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Jelineks "Winterreise" bei Mülheimer Stücketagen

Jelineks "Winterreise" bei Mülheimer Stücketagen

Mülheim/ Ruhr Sie ist wieder da. Zum 15. Mal ist ein Stück von Elfriede Jelinek eingeladen zu den Mülheimer Theatertagen, diesmal "Winterreise" in der Inszenierung des Niederländers Johan Simons, der die Münchner Kammerspiele leitet. Doch dürfte der Dramatikerpreis für das beste Stück des Jahres diesmal nicht an Jelinek gehen, die in Mülheim immerhin schon dreimal ausgezeichnet wurde. Denn "Winterreise" ist ein arg pointenarmer Text, in dem die Autorin mit enervierender Redundanz über eigene Befindlichkeiten schreibt, über die einsame, gesellschaftsabstinente Frau am Computer oder über Schuldgefühle dem Vater gegenüber, der geistig verwirrt in einer psychiatrischen Klinik starb. Zwar pflügt sie auch diesmal wieder mit zorniger Verbissenheit durch die Wortfelder der deutschen Sprache, doch ihre Ernte ist mau. Man kann zwar erschrecken über die Versehrtheit ihrer Familiengeschichte, aber es zeichnet sich darin wenig Allgemeingültiges ab, das es wert wäre, auf der Bühne ausgesprochen zu werden.

Auch die Auslassungen zur Wirtschaftskrise im ersten Teil – diesmal entzündet am skandalumwobenen Verkauf der Hypo-Group-Alpe-Adria an die Bayern LB – reichen bei weitem nicht an die Schärfe ihres Stücks "Die Kontrakte des Kaufmanns" heran, sondern wirken wie der Printen-Bruch, der beim Ausstechen des Kaufmann-Stücks zurückblieb.

Nur in den Passagen über den Fall Natascha Kampusch entwickelt Jelinek ihren bösen Wortsog, der Ereignisse aus ihrer bekannten Hülle reißen und sie so entblößen kann, dass etwas Wahres zum Vorschein kommt. Wenn Jelinek den Ton gehässiger Biederbürger annimmt, ist sie gut. Vielleicht war die Wirkung aber auch dem wunderlichen Theaterkobold zu verdanken, den Johan Simons in seinem Ensemble hat. Kristof van Boven spielte sich mit Gummi-Maske als einsame, unheimliche Kampusch-Figur ins Gedächtnis. Ansonsten hat die Inszenierung zum Text nicht viel zu sagen. Andrè Jung muss eine ganze Stunde monologisieren. Einer wie er kann das meisterlich, inszenatorisch ist es eine Bankrotterklärung.

(RP)