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Jaron Lanier erhält Friedenspreis des deutschen Buchhandels

Frankfurt : Buchmesse ehrt Internet-Guru Jaron Lanier

Der US-Medien-Pionier bekam in der Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

Albert Schweitzer und Karl Jaspers sind schon mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt worden, Nelly Sachs und Alexander Mitscherlich, Ernst Bloch und Jürgen Habermas. Und haben in der Paulskirche dann sehr oft wegweisende, manchmal staatstragende, bisweilen skandalumwitterte Reden gehalten. Und jetzt steht vorne sehr platzfüllend der 54-jährige Amerikaner Jaron Lanier, der Internet-Pionier, skurrile Visionär, Unternehmer und Künstler und so vieles andere außerdem. Eine "Patchwork-Identität" wird ihn EU-Parlamentspräsident Martin Schulz in seiner Laudatio nennen.

Doch der Ernst von Ort und Stunde perlt an Lanier ab; er freut sich, zappelt herum, weiß gar nicht wohin mit seiner Rührung über den Beifall von 1000 Festgästen. Und kein Redner wird es an diesem Vormittag versäumen, die Wahl richtig, aber eben auch mutig zu nennen.

Eine gute Stunde später wird der Apologet eines digitalen Kulturoptimismus erneut von Rührung überwältigt werden. Als er nach seinen Ausflügen über Chancen und Gefahren von Internet-Technologien auf seine Familie zu sprechen kommt - seinen Vater, der kürzlich im Alter von über 90 Jahren verstarb und der in seiner Familie so viele Tote unter den Pogromen der Nazis zu beklagen hatte; seine Tante, der es lebenslang die Sprache verschlagen hatte, nachdem sie nur deshalb überlebte, weil sie stumm unter einem Bett ausharrte, während ihre Schwester durch ein Schwert getötet wurde. Und auch der vielen Verwandten von Laniers Mutter, die die Konzentrationslager der Nazis nicht überlebt hatten.

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Das schien zu seinen emphatisch vorgetragenen Internet-Diskursen nicht so recht zu passen. Doch hatte er schon zuvor Bedenken eingestreut vor scheinbar harmlosen "Flashmobs", die schlagartig virale Trends schaffen; und sein Unbehagen vor Rudelbildungen jeder Art wie Nationen und Volkszugehörigkeiten. Weil am Ende, so Lanier, stets Rudel gegen Rudel antreten würden. Und: "In dieser Hinsicht verstärkt die Nazi-Zeit meine Sorge, dass das Internet als überlegene Plattform für plötzliche Massengewaltausbrüche von Rudeln oder Clans dienen könnte." Das, und weniger die Analyse von Algorithmen-Wirksamkeiten, war der rote Faden seiner Rede. Und als Nährboden dienten die humanistischen Werte von Menschenrecht und Menschenwürde. Dazu gehörten auch seine wie ein fulminanter Predigtabschluss vorgetragenen Schlussworte: "Lasst uns die Schöpfung lieben." Seine obligate Musikeinlage auf dem uralten asiatischen Holzblasinstrument Khaen schien ein Klageruf zu sein über das, was geschehen war. Und ein Weckruf zu dem, was die Zukunft von uns einfordern wird.

(RP)