Düsseldorf: Jakob Augstein: "Ich bin kein Antisemit"

Düsseldorf : Jakob Augstein: "Ich bin kein Antisemit"

Was ist Kritik, was Antisemitismus? Darüber diskutierte der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, mit dem Publizisten Jakob Augstein. Der wehrt sich gegen den Vorwurf der Judenfeindlichkeit.

Anfang des Jahres setzte das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles Jakob Augstein auf Platz neun seiner Liste der zehn schlimmsten Antisemiten der Welt. Das löste in Deutschland eine Debatte darüber aus, wo berechtigte Kritik an Israel endet und Antisemitismus beginnt. Der "Spiegel" hat nun den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, und den umstrittenen Publizisten Jakob Augstein zu einem Streitgespräch eingeladen, das wir dokumentieren.

Die gegenseitige Einschätzung: Der "Spiegel" fragt: "Herr Augstein, sind sie ein Antisemit?" Augstein: "Nein."

Spiegel: "Herr Graumann, halten sie Jakob Augstein für einen Antisemiten?"

Graumann: "Nein. Um es gleich zu sagen: Auf eine Liste der zehn schlimmsten Antisemiten, wie sie das Simon Wiesenthal Center jetzt aufgestellt hat, gehört er nicht. Aber ich finde seine Kolumnen abscheulich und abstoßend. Er schürt fahrlässig antijüdische Ressentiments."

Über die Definition von Antisemitismus: Graumann: "Wer überall eine jüdische Weltverschwörung wittert oder ,die Juden' für alle Übel im Zusammenleben der Völker verantwortlich macht. Wer Israel das Existenzrecht abspricht, es verteufelt oder seine Vernichtung in Kauf nimmt. Wer grobschlächtige Nazi-Vergleiche anbringt, um israelische Politik zu verdammen, der ist ein Antisemit."

Augstein schließt sich dieser Definition an, ergänzt aber, wer demnach kein Antisemit sei: "Nämlich derjenige, der Israel wie jeden anderen Staat betrachtet und ihn kritisiert, wenn die Regierung das Völkerrecht bricht; derjenige, der an dieses Israel eben keinen Doppelstandard anlegt." Das alles nehme er für sich in Anspruch.

Graumann über Augsteins Darstellung Israels: "Er vermittelt ein Israel-Bild, das undifferenziert und verfälscht ist. Er transportiert faktisch antijüdische Klischees. Die kalte Verachtung, mit der er Israel abhandelt, würde ich auf einer Skala von 1 bis 10 mit einer dicken 13 bewerten." Graumann unterscheidet zwischen entschiedener Kritik an Israel, die durchaus scharf formuliert sein dürfe, und Kritik, die "obsessiv und feindselig wird, wo sie von sachlichen Argumenten abweicht, wo sie verantwortungslos wird". Da habe Augstein in seinen Kolumnen laufend Grenzen übertreten. "Sie schreiben mit dem Fingerspitzengefühl eines Bulldozers", so Graumann über Augstein.

Augsteins Selbstkritik: "Es war nicht glücklich, Gaza ein ,Lager' zu nennen, weil das an Konzentrationslager erinnert. Der Begriff ,Gefängnis' war schon ausreichend."

Graumann hält "Lager" nicht für Augsteins "schlimmste Entgleisung", sondern zitiert: "Jakob Augstein schreibt in einem seiner Beiträge, wenn Israel etwas wolle, ,beugt sich Berlin dessen Willen'. Dass sich Deutschland in der Knechtschaft vor den Juden beugen muss – was für eine Vorlage für antijüdische Ressentiments. Wir kennen doch die Bilder aus der Vergangenheit, die da heraufbeschworen werden." Weiter wirft Graumann Augstein einen Satz vor, den er im Fernsehen bei Günther Jauch gesprochen hat: "Sie haben da gesagt, die Verbrechen der Deutschen würden doch nicht dadurch besser, wenn die Israelis jetzt ihrerseits Verbrechen begehen. Indem sie das in Relation setzen, bedienen sie eben doch antijüdische Ressentiments. Sie spielen auf dieser Klaviatur, vielleicht unbewusst, aber sie klimpern. Sie machen das lässig, nachlässig, fahrlässig, und, wie ich meine, unzulässig."

Augsteins Hinweis auf Kritik israelischer Journalisten an Israel: "Alles, was ich an Israel kritisiere, ist in schärferer Form von israelischen Journalisten geschrieben worden. Niemand regt sich darüber auf, jeder in Israel begreift das als Zeichen der freien Meinungsäußerung. Nur bei uns wird man schnell zum Antisemiten abgestempelt."

Graumann über mangelndes Verständnis für die Existenzsorgen Israels: "Sie begreifen die emotionale Komponente überhaupt nicht – was es bedeutet, ständig dem Raketenbeschuss durch die Hamas oder den Auslöschungsplänen der Iraner ausgesetzt zu sein. Sie schreiben mit einer Herzenskälte über dieses Land, mit einer Empathie aus dem Eisschrank, die mich frösteln lässt." Augstein: "Verzeihung, ich empfinde das nicht so. Ich schreibe über Israel, wie ich über die SPD schreibe, nein, das ist nicht ganz richtig, ich schreibe über die SPD bestimmt schärfer, böswilliger."

Über Besuche in Israel: Der "Spiegel" fragt: "Herr Augstein, sind Sie gelegentlich in Israel?"

Augstein: "Beruflich hat es sich nie ergeben, und privat möchte ich nicht."

Graumann: "Warum?"

Augstein: "Ich wäre in den Zeiten der Apartheid auch nicht nach Südafrika gefahren."

Graumann: "Was für ein Vergleich! Sie waren noch nie in Israel?"

Augstein: "Nein, wenn ich das Gefühl hätte, dass Israel diesen Konflikt mit den Palästinensern lösen will, wäre das eine andere Situation. Das finden Sie vielleicht sonderbar: Aber ich möchte nicht in Tel Aviv am Strand liegen, wenn ein paar Kilometer weiter südlich die Lage ist, wie sie ist."

Über Augsteins Herkunft: Der "Spiegel" fragt Augstein: "Wie würden Sie ihre Sozialisation kennzeichnen durch ihren leiblichen Vater Martin Walser, wie durch Rudolf Augstein, mit dem Sie aufgewachsen sind?"

Augstein: "Der Krieg hat im Leben meiner beiden Väter eine große Rolle gespielt, das prägt mich sehr. Rudolf Augstein hatte auf der einen Seite des Unterarms einen Eintritt von einem Granatsplitter und auf der anderen Seite einen Austritt. Dieser versehrte Arm ist für mich eine Kindheitserinnerung. Von Martin Walser wissen wir alle, dass der Bruch in der deutschen Identität ein beherrschendes Thema ist.

"Spiegel": "Nach der Paulskirchen-Rede von Walser und den Reaktionen darauf wird er von vielen für immer als Antisemit eingeschätzt werden. Warum sind sie nicht vorsichtiger?"

Augstein: "Walser ist kein Antisemit. Darum fällt genetisch bedingter Antisemitismus aus."

(RP)
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