1. Kultur

Interview mit Rineke Dijkstra über ihre Arbeit "Ruth Drawing Picasso"

Rineke Dijkstra : Die Poesie des Hinschauens

Im Duisburger Lehmbruck-Museum ist das Video „Ruth Drawing Picasso“ von Rineke Dijkstra zu erleben. Darin sieht man einem Mädchen dabei zu, wie es ein Bild von Picasso betrachtet. Wir haben mit der Künstlerin gesprochen.

Im Dezember 2008 organisierte die Tate Liverpool eine Ausstellung, für die zuvor tausend Menschen in der Stadt nach ihrer Wunschvorstellung befragt wurden. Unter den teilnehmenden Künstlern befand sich die niederländische Künstlerin Rineke Dijkstra. Das Ergebnis, „Ruth Drawing Picasso", ein kurzer Loop von sechseinhalb Minuten, wird nun im Duisburger Lehmbruck-Museum wiederholt. In der Glashalle, der Schnittstelle zwischen Museum und Stadt, kann man das Video von drinnen und draußen sehen. Was macht es so aktuell?

Frau Dijkstra, Ihre Ruth sitzt ausgestreckt auf dem Boden, den Bleistift in der Hand, und ist bemüht, das für Außenstehende nicht erkennbare Bild "Weinende Frau" von Picasso abzumalen. Das ist doch für ein zwölfjähriges Kind aus der Grammar School ein viel zu schweres Motiv?

Rineke Dijkstra Kinder in diesem Alter können mit dem Kummer zurecht kommen. In einem ersten Video über dasselbe Bild habe ich die Klasse befragt, was sie sieht. Die Jungen haben sich lustig gemacht, haben dumme Reden geschwungen, nur eine Mädchen hat deren Gequassel nicht mitgemacht. Ruth war in einer anderen Gruppe, aber ich war sofort von ihrem Aussehen berührt.

  • Museumsdirektorin Söke Dinkla (l.) und Moderatorin
    WDR Westart : TV-Sternstunde fürs Duisburger Lehmbruck-Museum
  • Museumsdirektor Walter Smerling (links) und Nils
    Kultur in Duisburg : Philharmoniker spielen Konzerte im Museum Küppersmühle
  • Kimberley Minski, Sienna Dahl, Carolin Strufe,
    Leichtathletik : Lintorfer Nachwuchs in Top-Form

Nun haben Sie es einfach mit dem Motiv des Kindes. Kinder ergeben doch stets ein verklärendes Motiv?

 Die niederländische Künstlerin Rinke Dijkstra.
Die niederländische Künstlerin Rinke Dijkstra. Foto: Dana Lixenberg

Dijkstra Ich bin am Übergang des Menschen vom Kindsein in das Stadium des Erwachsenen interessiert, also an einer Transformation, einem Übergang. Die jungen Leute haben jedenfalls noch keine fixen Ideen.

Locken Sie mit dem großen Maler und der kleinen, naiven Schülerin?

Dijkstra Picasso ist ein Genie. Er versuchte, das Wesentliche einzufangen. Vielleicht versuche ich das auch.

Wir als Betrachter kennen das Bild von Picasso mitsamt seiner Antikriegshaltung und beobachten unter diesem Aspekt das Kind. Uns geht es doch nicht um ein Kind, das ein bloßes Bild abmalt, sondern das Picassos weinende Frau abmalt. Welche Rolle spielt der Zuschauer?

Dijkstra Das Kind ist das Thema des Videos und nicht das Bild, was sie abmalt. Es beobachtet die Kunst, und wir beobachten das Kind.

Wir sehen ein Mädchen in einem grauen Outfit mit schwarzen Winterstiefeln. Seine Kleidung ist grau und nüchtern. Es hat lediglich ein rotes Haarband und einen roten Schlips. Das genügt?

Dijkstra In Großbritannien ist es immer noch üblich, dass Kinder eine Schuluniform tragen. Es macht sie gleichberechtigter. Bei diesem Videoporträt kommt die Nüchternheit der Farben sehr gut zur Geltung. Dennoch sind die roten Akzente wichtig; sie machen Ruth und das Bild lebendiger. Da das Bild nicht viel Ablenkung bietet, gilt die ganze Aufmerksamkeit dem Mädchen, das in Konzentration versunken ist und zeichnet, was es beobachtet. „Ruth Drawing Picasso" beschäftigt sich mit dem fotografischen Sujet. Ich ermutige den Betrachter gerne, die Pose und Gesten des jungen Mädchens genau zu beobachten.

Worin liegt die Botschaft an die Zuschauer?

Dijkstra Das Kind posiert nicht, es vergisst sich selbst, konzentriert sich auf die Beobachtung. Die Botschaft an uns Betrachter lautet: etwas zu sehen, was man im täglichen Leben übersieht.

Info Das Loop im Duisburger Lehmbruck-Museum, Friedrich-Wilhelm-Straße 40, läuft bis 28. August 2022. Es ist Tag und Nacht auch von außen zu sehen. Das Kratzen des Bleistifts hört man allerdings nur im Museum. Die Reihe „Sculpture 21st" wird von der Stiftung der Sparda-Bank West unterstützt.