1. Kultur

Interview mit Julia Wissert - Intendantin am Theater Dortmund

Interview Julia Wissert : Theater-Abeit ohne Anschreien

Die neue Intendantin des Theaters Dortmund erklärt, was sie mit dem Haus vorhat. Und was das Theater ihrer Meinung nach von Netflix lernen kann.

Julia Wissert hat soeben die Spielzeit am Dortmunder Schauspiel eröffnet. Die 36-Jährige ist als erste Schwarze Intendantin an einem deutschen Theater. Im Interview erklärt sie, was sie in ihrer ersten Saison anders machen will.

Sie sind angetreten, um andere Menschen ins Theater zu bringen.


Julia Wissert Das stimmt, aber eigentlich rede ich nicht mehr so gerne darüber.

Warum?

Wissert 
Weil ich nicht darauf reduziert werden möchte. Ich mache ja auch Theater für Menschen, die klassische Texte mögen. Ich winde mich aus solchen Fragen, weil mich zum Beispiel der Migrationshintergrund von Menschen nicht interessiert. Für mich ist es normal, dass Leute vier Pässe haben – oder keinen. Generell will ich gar nicht gerne kategorisieren und trete ja auch selbst mit all meinen Identitäten an.

Welche Identitäten sind das?


Wissert Naja. Ich bin Intendantin. Sie sehen mich wahrscheinlich als Frau und ich identifiziere mich als Frau. Ich bin mittelalt, würde ich sagen. Ich bin in Deutschland sozialisiert. Ich bin Badnerin – Badisch ist meine Muttersprache. Und dann gibt es vielleicht noch Dinge, die unsichtbar sind, die aber trotzdem Auswirkungen auf meine Arbeitsweise haben.

Vor eineinhalb Jahren haben Sie sich eine Welt gewünscht, in der eine junge, als Schwarz gelesene Frau wie Sie Stadttheater-Intendantin werden kann. Wie fühlt sich die neue Wirklichkeit an?


Wissert Ich habe jetzt ein festes Gehalt, muss mir keine Sorgen über meine Krankenkassenbeiträge machen. Es gibt Anteile in mir, die sich unheimlich freuen. Aber es gibt auch härteste Anfeindungen und Kritik und wenig Leute, die sagen: Toll, wir drücken euch so die Daumen und hoffen, dass es klappt! Viele fragen eher: Was willst du bei der Mitte 30-Jährigen, die denkt, man kann fair miteinander arbeiten, sich fair bezahlen, sich nicht anschreien und trotzdem kreativ arbeiten?

Wie erzählt man eigentlich einen „Faust“ außerhalb des weißen, männlichen Blicks?

Wissert Da müssten Sie eigentlich mit Regisseurin Mizgin Bilmen sprechen. Aber ich glaube, ihre Idee ist, den Faust aus Perspektive der Walpurgisnacht zu erzählen, den Faust als Akademiker mit seinem für alle gleich gültigen Wissen der Idee der Hexe gegenüberzustellen – der Frau mit dem alten Wissen, das aber bedrohlich und gefährlich erscheint. In dieser Produktion wird über Margarete gesprochen und nicht über Gretchen und Mephisto wird von Antje Prust gespielt.

Sie selbst inszenieren unter anderem Annie Ernaux’ soziologisch-literarisches Erinnerungsbuch „Der Platz“. Was interessiert Sie daran?

Wissert Interessant fand ich, dass die deutschen Theater sich bisher eher für Didier Eribon („Rückkehr nach Reims“) oder jetzt für dessen Schüler Édouard Louis interessieren. Beide sprechen dauernd von Annie Ernaux als Inspiration, aber die bringt niemand auf die Bühne. Sie erzählt von der Verstrickung der eigenen Geschichte mit gesellschaftlicher Struktur. Wie man das auf eine sinnliche Weise erzählen kann, überlegen wir gerade. Arbeitsidee ist ein Klassismus-Workshop mit Publikum.

Kann Theater von Netflix lernen?

Wissert Netflix zeigt, dass man sehr flexibel umgehen kann mit Identitäten. Es gibt auf einmal sehr viele Serien mit queeren Identitäten oder Schwarzen Held*innen. Das macht der Streaming-Anbieter natürlich nicht, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, sondern weil sie verstanden haben: Umso mehr Menschen wir repräsentieren, desto mehr Geld können wir auch machen. Ich rede dabei übrigens nicht vom deutschen Netflix. Diese Vielfalt ist in der amerikanischen Version zu finden.