Booker-Prize erstmals für Deutsche Autorin Der glückliche Moment

London · Jenny Erpenbeck (57) ist für ihren Roman „Kairos“ mit dem renommierten britischen International Booker Prize ausgezeichnet worden. Sie ist damit die erste deutsche Autorin, die diesen hohen Preis bekam. Inzwischen wird sie auch als Kandidatin für den Literaturnobelpreis gehandelt.

 Jenny Erpenbeck, Autorin von „Kairos“, mit der Trophäe des International Booker Prize in London.

Jenny Erpenbeck, Autorin von „Kairos“, mit der Trophäe des International Booker Prize in London.

Foto: dpa/Alberto Pezzali

Die Geschichte beginnt mit der Ankündigung eines Todes. Mit der Frage, ob sie denn zu seiner Beerdigung kommen werde. Komische Frage, die bis zur pflichtgemäßen Antwort dann auch dreimal wiederholt werden muss, ehe sie schließlich „Ja“ sagt und „natürlich“. Wie man es halt so macht. Vier Monate später, während sie in Pittsburgh ist, dann die Nachricht, dass er gestorben sei. Es ist ihr Geburtstag.

Mit dem griechischen Wort „Kairos“ (der glückliche Moment) ist dieser Roman betitelt, doch nichts ist zu Beginn die tatsächlich gute Gelegenheit. Da geht nichts reibungslos auf in dieser Geschichte voller Umbrüche – wie so oft bei großer Literatur. Der Kairos-Moment für den Roman kam jetzt, drei Jahre nach seiner Erstveröffentlichung: Als erste deutsche Autorin wurde Jenny Erpenbeck für dieses Buch in der schicken Londoner Galerie Tate Modern mit dem International Booker Prize geehrt, der mehr Wert ist als seine Dotierung in Höhe von 50.000 Pfund, das sind umgerechnet etwa 58.500 Euro.

„Kairos“ ist die Geschichte einer Liebe und Liebesaffäre zwischen Katharina und Hans. Sie ist 19 – und teilt damit das Geburtsjahr der Autorin –, er 53 und verheiratet. 1933 wurde er als Sohn eines hohen NS-Funktionär geboren, ist nach eigenem Bekunden als Kind ein begeisterter kleiner Nazi gewesen. Die ungewöhnliche, auf jeden Fall spannungsreiche Beziehung wird schließlich das, was man elegant, also ein bisschen schönrednerisch und damit verharmlosend eine Amour fou nennt. Zeitgeistiger müsste man sie wohl toxisch nennen. Als Katharina Hans mit einem jüngeren Mann betrügt, wird aus Liebe ein Machtkampf, wird aus Nähe Unterdrückung und aus Gemeinsamkeit Abhängigkeit.

Und dies alles vor der Kulisse Ost-Berlins Ende der 1980er Jahre. Alle Zeichen stehen dort auf Umbruch, Zusammenbruch und Auflösung. Eine Ahnung neuer Freiheiten macht sich breit. Es ist somit auch eine Blütezeit der Künstlerszene. Die trifft sich in Cafés und Kneipen und erlebt ein paar kurze, aufregende, dezent anarchische Jahre, wie sie vielleicht so unverwechselbar nur in Ostberlin zu erleben war.

Diese obsessive Liebesaffäre in Ostberlin Ende der 1980er ist nicht nur feiner Lesestoff, sondern natürlich auch eine Zeitexegese. Im Kleinen spiegelt sich das Große wider, und wer die Liebesgeschichte als Allegorie auf die Wiedervereinigung der beiden deutschen Länder liest, wird nicht ganz falsch liegen. In Katharinas Liebesblindheit treten dann viele Hoffnungen und Glücksversprechen der Ostdeutschen zutage, während in Hans und in seiner Haltung wachsender Vereinnahmung die Auswüchse westlicher Okkupation sichtbar werden.

Eine deutsche Geschichte, die nah am Geschehen erzählt wird - mit Figuren, die in all ihren Widersprüchlichkeiten nie denunziert werden, und mit Dialogen, die so echt klingen, als seien sie irgendwo abgelauscht. Jenny Erpenbeck erzählt nicht chronologisch, erst recht nicht konventionell. Sie probiert mitunter aus, was sprachlich und erzählerisch möglich, machbar und reizvoll ist. Mit der Geschichte allein gibt sich Jenny Erpenbeck jedenfalls nicht zufrieden.

Das führt auch dazu, dass sie hierzulande zwar stets mit Kritikerlob überhäuft wird. Dass der sogenannte Literaturbetrieb aber nur wenig mehr als wohlwollend auf ihre Werke geschaut hat. Nach Ehrungen im Umfeld der beiden deutschen Buchmessen sucht man jedenfalls vergeblich: Der Preis der Leipziger Buchmesse war bislang anderen Autorinnen und Autoren vorbehalten, auch taucht ihr Name auf keiner Shortlist des Deutschen Buchpreises auf.

Dafür gab es vor acht Jahren schon eine Nominierung auf der Shortlist des International Dublin Literary Award; und als die New York Times sie kürzlich gar zum engeren Favoritenkreis für den Literaturnobelpreis zählte, wurde dies hierzulande eher mit Stirnrunzeln quittiert. Aber auch der jetzt verliehene britische International Booker Prize fiel nicht aus heiterem Himmel auf die 57-jährige Ostberlinerin. Sie war bereits fünfmal nominiert, ehe es nun beim sechsten Mal glückte.

Die weit höhere Wertschätzung im Ausland für Jenny Erpenbeck hat nicht allein, aber auch mit ihrem Sujet zu tun. Literarisch vermittelte Geschichte aus deutschen Umbruchzeiten, in denen manches vielleicht noch nicht entschieden war, noch dazu von einer, die all das erlebte, erfuhr, sah, roch und liebte, scheint aus größerer Distanz betrachtet noch aufregender, vielleicht gar exotischer zu sein als aus dem sogenannten Nahfeld.

Grämen muss man sich deswegen hierzulande nicht. Schließlich kann man mit solchen Anregungen aus fremdsprachigen Ländern ja zu ihren Büchern greifen und Versäumtes nachholen. Wobei auch unbedingt an den Übersetzer Michael Hofmann erinnert werden muss, der mit Erpenbeck satzungsgemäß die Ehrung teilt und der mit seiner Kunst als literarischer Brückenbauer den Roman einer Leserschaft sehr weit über Deutschlands Grenzen ans Herz legte.

Jenny Erpenbeck hat mit ihrem Roman Grenzen beschrieben, Grenzen überwunden, Grenzverläufe nachgezeichnet – im kleinen Leben wie im großen Weltgetümmel. Aber nicht immer gibt es da die gute Gelegenheit. Anders in der Literatur. Denn vielleicht strahlt der Glanz aus London zurück auf Deutschland. Auch für Leser gilt: Kairos kann warten.

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