Ins Museum trotz Demenz

Kulturelle Teilhabe: Kultur genießen trotz Demenz

„Fahrt ins Blaue“ heißen die Führungen für Menschen mit Demenz im Museum Schloss Rheydt. Sie enden mit einem Kaffeetrinken in historischer Kulisse – an einer Tafel wie in den 1960er Jahren. Auch das Duisburger Lehmbruck Museum hat viele Angebote für die spezielle Zielgruppe.

Die cremefarbene Kaffeekanne mit dem Tropfenfänger fällt zuerst auf. „Wie früher“, sagt die alte Dame, die gerade noch die mächtigen, dunklen Gobelins bestaunt hat, die im Rittersaal des Museums Schloss Rheydt die Wände zieren. In der Mitte des prächtigen Raums haben Mitarbeiter des Museums eine Kaffeetafel eingedeckt – im Stil der 60er Jahre. Es gibt Porzellan mit Goldrand, Kuchenplatten auf Messingsockel, silbernes Besteck. „Die hab’ ich auch“, sagt eine andere Frau, als die Besuchergruppe Platz nimmt, und streicht vorsichtig über die Zinken der zierlichen Kuchengabel. „Die müssten bei mir noch in einer Kiste liegen.“ Ob sie schon mal in diesem Museum war, weiß sie nicht mehr so genau. Sie denkt darüber nach, schaut irritiert, fast ängstlich, als ahne sie, dass ihr Gedächtnis ihr gerade etwas schuldig bleibt. Doch da wird schon der Kaffee eingeschenkt, der Tropfenfänger tut gute Dienste, die Dame entspannt sich. Sie rätselt mit den anderen, was die Teppiche an der Wand wohl kosten würden, reicht die Kristallschale mit Sahne weiter, „dat Kömpke“, sagt eine andere Frau am Tisch und als sie später ein Lied von Peter Alexander anstimmt, summen alle mit. Gute Laune beim Kaffeekranz – das ist ganz so wie früher.

 „Fahrt ins Blaue“ nennt das Museum Schloss Rheydt ein spezielles Angebot für Menschen mit Demenz: Die Besucher bekommen eine Führung durchs Haus, Museumspädagogin Simone Friedrich erzählt anschauliche Details zur Geschichte des Schlosses und zur Sammlung. Dann wird in der historischen Kulisse Kaffee getrunken wie in der Zeit, als die Besucher jung waren. Es gibt regionale Klassiker wie Riemchentorte. Auf dem Tisch liegen Gegenstände aus der Wirtschaftswunderzeit, die Anlass für Gespräche bieten: leicht vergilbte Frauenzeitschriften etwa, ein schwarzes Hütchen und besonders ergiebig: ein altes Kochbuch von Dr. Oetker mit Rezepten wie „Himmel und Äd“. Schon dreht sich das Gespräch um Rezepte und Zutaten. „Gute Butter gibt es ja gar nicht mehr“, sagt eine Frau.

Die „Fahrt ins Blaue“ ist eine Zeitreise, inszeniert als Kaffeefahrt ins Museum. An diesem Nachmittag ist eine Gruppe aus dem Mönchengladbacher Altenheim Eicken zu Gast. Viele Teilnehmer sind nicht mehr mobil, Rollstühle müssen entladen, Besucher beim Gehen unterstützt werden, mehrere Ehrenamtlerinnen sind im Einsatz. Der Ausflug bedeutet einigen Aufwand.

Doch schon beim Spaziergang durch den Innenhof des Museums verändern sich die Gesichter der Gäste. Sie betrachten die ersten Frühjahrsblumen, staunen über die Pfauen im Hof, die an den Besuchern vorbeistolzieren, als seien sie nur da, um ihr schimmerndes Federkleid zur Schau zu stellen. „Ist das schön hier“, sagt eine Frau am Rollator und dreht ihr Gesicht in die Nachmittagssonne. „Wir machen das für den Moment“, sagt Andrea Bisanz, Leiterin des sozialen Dienstes am Altenheim Eicken. „Viele Teilnehmer haben die Details aus der Führung bald wieder vergessen, aber sie sprechen oft noch Tage davon, dass sie etwas Schönes erlebt haben.“

Museen öffnen sich für Menschen mit Demenz. Sie schaffen unterschiedliche Formate, um auf die veränderte Wahrnehmung dieser Besucher zu reagieren, machen Kunst zum Anlass, für ein paar Stunden dem oft beschwerlichen Alltag mit dieser Krankheit zu entkommen.

Pionier auf diesem Gebiet ist das Lehmbruck-Museum in Duisburg. Bereits seit 2007 werden dort Führungen angeboten, bei denen Menschen mit Demenz Kunst auch sinnlich entdecken können. Sie dürfen Werke berühren, Skulpturen in den Schoß nehmen, erzählen, welche Empfindungen die Kunst in ihnen auslöst. Dazu gibt es ein offenes Atelier, in dem sich Betroffene zusammen mit ihren Angehörigen selbst künstlerisch betätigen können. „Menschen mit Demenz und deren Partner machen sehr viele Verlusterfahrungen, ihr Alltag wird oft von Therapie bestimmt“, sagt Sybille Kastner, stellvertretende Leiterin der Kunstvermittlung im Lehmbruck-Museum, „wir möchten ihnen eine Möglichkeit bieten, sich zweckfrei mit anregender Kunst zu beschäftigen und die Demenz für diese Zeit einmal nicht in den Mittelpunkt zu stellen.“ Für Kastner ist das Teil der öffentlichen Aufgabe von Museen, barrierefreier Zugang solle auch für Menschen mit Demenz gelten.

 Im Prinzip ist Kunst jeder Art und jeder Epoche für die Vermittlung geeignet. Das ist das Ergebnis einer Studie an der Medical School Hamburg, an der das Lehmbruck-Museum sich beteiligt hat. Nur Video-Kunst stellt Menschen mit Gedächtnisstörungen vor Probleme, weil die Eindrücke so schnell vergehen. „Abstrakte Kunst hat sich als besonders ergiebig erwiesen“, sagt der Gerontologe und Studienleiter Michael Ganß, „dazu kann man ganz frei assoziieren, es gibt kein Richtig und Falsch.“

In der Arbeit mit Menschen mit Demenz geht es vor allem darum, gemeinsam ein Kunstwerk zu entdecken. Die Vermittler fragen, woran ein Werk die Betrachter erinnert, welche Empfindungen es auslöst, was sie darin sehen.

Es geht nicht um Abfragen, nicht um Wissensvermittlung, es geht um Eindrücke in der Gegenwart, um die Qualität des Moments. „Man muss sich bei solchen Führungen Zeit lassen und die Umgebung sollte ruhig sein“, sagt Ganß, „dann wird der Museumsbesuch zu einem guten Erlebnis, das als positive Erfahrung im Gedächtnis bleibt.“

Das funktioniert in der Gruppe besonders gut, weil die Besucher dann auch voneinander Anregungen bekommen. Doch können Angehörige sich auch selbstständig mit einem von Demenz Betroffenen ins Museum aufmachen, wenn ihm das körperlich möglich ist. „Wichtig ist dann nur, dass die Begleiter sich auf eine kleine Zahl von Werken beschränken und nicht aus Hilflosigkeit ins Abfragen geraten, sondern vor dem Werk einen freien Austausch anregen“, sagt Ganß.

Auch Museumspädagogin Kastner glaubt, dass es gerade für betroffene Paare hilfreich sein kann, die Freude eines Museumsbesuchs zu teilen und damit ein Stück Lebensqualität zurückzugewinnen. „Es sollte möglichst bald Normalität sein, dass Menschen mit Demenz mit ins Museum gehen“, sagt Kastner, „wir haben im Umgang mit diesen Besuchern gelernt, Kunst unbefangen zu begegnen. Davon können alle profitieren.“

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