1. Kultur

Ingrid Bachér über das Leben und Arbeiten in Zeiten der Corona-Krise

Gastbeitrag Ingrid Bachèr : „Vorbeigehen wird alles, aber das ist nicht alles“

Die Frage ist, wie verändert uns das, was nun weltweit geschieht, der Zusammenbruch der Wirtschaft, der Finanzen, unseres Lebensstils, der abhängig war von so Vielem, was wir nicht mehr selber bestimmten.

Wird aufhören nun die fast zwanghafte Infiltration der Gedanken und Wünsche, der Vorstellungen von dem, was richtig, was falsch sei, oft zu unserem Schaden, doch mit unserer Zustimmung. Ein Wechsel wäre möglich?

Zuerst nun sind wir vereinzelt mit Abstand, miteinander verbunden doch durch Gespräche, Nachrichten, Bilder, die wir tauschen, Trauer und Gelächter. Es erweist sich in der Not, ob wir den Anderen was sein können und was sie für uns sind.

Ich bin gewohnt, isoliert zu arbeiten, so fällt es mir nicht schwer, weiter und gewiss auch anders zu arbeiten. Dringlicher wird für mich selber, dass Worte nichts Falsches sagen.

Ich bin ein Kriegskind, meine Urerfahrung ist: nichts Materielles, nichts Konstruiertes hat Bestand. So bin ich überrascht – aber nicht befremdet – von dem was geschieht.

Doch so improvisiert wie wir zuletzt allein zu zweit gelebt haben, wollen wir jetzt nicht weiterleben. Nun ohne Termine, Verabredungen und Lustbarkeiten, haben wir uns selber eine strenge Regelung des Ablaufes unserer Tage vorgeschrieben. Ähnlich wie im Kloster, wo durch die Gleichförmigkeit der Geschehnisse des Tages, die ständige Wiederholung des Gleichen, die Zeit unbedeutender wird und uns frei vom Druck des Vergehens macht. Das scheint mir hilfreich zu sein, um nicht immer darauf zu warten: Wann geht das vorbei?

Vorbeigehen wird alles, aber das ist nicht Alles.

Info Die Düsseldorfer Schriftstellerin Ingrid Bachér wurde 1930 in Rostock geboren. Sie war Mitglied der Guppe 47 und PEN-Präsidentin.