In "Becoming" schwärmt Michelle Obama vom Jazz

Autobiographie „Becoming“ : Michelle Obamas Himmel ist ein Ort voller Jazz

In dem Buch „Becoming“ erzählt die frühere First Lady, wie ihr der Großvater Stevie Wonder und Miles Davis nahebrachte.

Dieser Großvater heißt Purnell Shields, er ist rundlich und meistens froh, er hat einen zotteligen grauen Bart, und er ist der allerbeste Typ. Er arbeitet als Schreiner, aber nicht, weil er so gut mit Holz umgehen würde (das tut er nämlich nicht), sondern einfach, weil er gerne mit Holz umgeht. Aus Holz baut er Regale für seine Platten, er hat verflixt viele Platten, denn von jedem Dollar, den er mit Schreinern verdient, kauft er sich neue LPs. Dieser Kerl, der zudem mit einem ansteckenden Lachen gesegnet ist, hat nun eine Enkelin, die er sehr mag, und was macht so einer, wenn er jemanden gern hat und ihr etwas Gutes tun möchte? Genau, er baut ihr ein Plattenregel und stellt die erste Platte gleich selbst hinein.

Es gab diesen Großvater wirklich, es ist der von Michelle Obama, sie schreibt in ihrem Buch „Becoming“ über ihn. Über diesen Memoirenband ist ja schon viel gesagt worden, aber bisher lasen ihn die meisten doch bloß als Nähkästchen-Plaudererei einer ehemaligen First Lady. Er ist aber mehr, viel mehr, eine Klang-Biografie nämlich, die Soundbeschreibung eines Lebens. Großvater Shields kommt darin die Hauptrolle zu, er war „das musikalische Herz der Familie“, er sorgte für die musikalische Früherziehung, und er schenkte der kleinen Michelle ihr erstes Album: „Talking Book“ von Stevie Wonder. Das erste Lied darauf heißt übrigens „You Are The Sunshine Of My Life“.

Michelle Obama nannte ihren Opa „Southside“, weil er wie der Rest der Sippe im Süden Chicagos lebte. Southside war der Vater ihrer Mutter, der hatte sich schon früh von der Großmutter getrennt, gehörte aber weiterhin zum Clan, und bei ihm fand man sich zu Familienfeiern ein. Dann legte er Platten auf, erinnert sich Obama, man musste bei ihm stets gegen Musik anreden. Er verehrte Aretha Franklin, Ella Fitzgerald, Miles Davis und Stevie Wonder, und weil diese Künstler in ihrer Kindheit so präsent waren und sozusagen Teil der Familie geworden sind, redet Obama heute lediglich von Aretha, Ella, Miles und Stevie.

Ehrlich, die ersten 159 Seiten dieses Buches muss man gelesen oder besser gehört haben, denn sie klingen, sie haben einen Sound. Warum 159 Seiten? Weil dann Southside an Krebs stirbt. Der Kerl, der Kabel durch seine Wohnung zog, damit er in jedem Zimmer eigene Lautsprecher aufstellen konnte und sogar im Bad Musik hörte. Einmal brannte es, und in den Familienschatz der Obamas ging die Geschichte ein, dass Opa Southside die Feuerwehrleute anflehte, den Wasserstrahl bitte nicht auf seine wertvollen Jazzalben zu richten. Obama schreibt: „Der Himmel, stellte ich mir vor, musste ein Ort voller Jazz sein.“

Opa Southside ist einer der tollsten Großväter der Weltliteratur, man hätte ihn gerne getroffen. Er war allerdings auch ein ängstlicher Mensch, schreibt Obama, so ängstlich, dass er nie zum Zahnarzt ging. Und er ließ Kinder und Enkel ungern zum Spielen nach draußen. Wozu auch, zuhause war es ja so schön: Zum Abendbrot hörte man die Jackson Five, das war sein „Gegenmittel“, schreibt Obama, „eine Möglichkeit, sich zu entspannen und Sorgen zu vertreiben“.

Im Grunde kann man sogar sagen, dass es dieser Großvater seiner Enkelin ermöglicht hat, einen guten Partner zu finden. Beim ersten Treffen mit Barack, so Michelle Obama, hatten die beiden nämlich das bestmögliche Thema für ein Date: „Wir diskutierten die Vorzüge jedes einzelnen Albums von Stevie Wonder, danach machten wir das Gleiche mit denen von Marvin Gaye.“ Schöner kann Liebe nicht sein.

Als Hochzeitslied suchte sich das Paar dann den Titel „You And I (We Can Conquer The World)“ aus. Er ist von Stevie Wonder. Und man findet ihn auf dem Album „Talking Book“.

Info Michelle Obama: „Becoming. Meine Geschichte“, Goldmann, 544 S., 26 Euro.

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