Verstorbener Nationalheld Nelson Mandela: In Afrika gilt der Tod als Teil des Lebens

Verstorbener Nationalheld Nelson Mandela : In Afrika gilt der Tod als Teil des Lebens

Die Familie des verstorbenen südafrikanischen Freiheitskämpfers Nelson Mandela lässt den Leichnam bis zum Begräbnis am Sonntag nicht mehr allein. Nach der Tradition ihres Volkes begleitet sie den Geist des Toten.

Als Christen Afrika zu missionieren begannen, führten sie dort auch die Totenkultur ihrer europäischen Heimatländer ein. Doch sie merkten rasch, dass den Afrikanern die eigenen Traditionen heilig sind — ganz besonders im Trauern.

Der Duisburger evangelische Theologe Jürgen Thiesbonenkamp, Vorsitzender des Vorstands der Kindernothilfe und von 1977 bis 1984 Seemannspastor in Kamerun, hat den afrikanischen Totenkult aus der Nähe erlebt und kennt die Unterschiede zur europäischen Art, den Tod eines Angehörigen zu verwinden. In Afrika verschafft sich die Trauer traditionell körperlichen Ausdruck. "Trauer muss gelebt werden", sagt Thiesbonenkamp; eine Trauer, in der man wie bei uns still in sich gekehrt ist, erscheint den Afrikanern fremd.

Stattdessen singt man in Bewegung — was hierzulande als Tanzen gedeutet wird. Und man will dem Toten nahe sein. Thiesbonenkamp hat in Kamerun erlebt, wie Mitglieder einer Trauergemeinde sich jeweils zu demjenigen stellten, den sie am besten kannten, und wie sie vor das Haus des Verstorbenen Früchte legten, die sie zuvor auf dessen Feldern geerntet hatten. "Der Tote ist in Afrika niemals ganz tot", hat der Theologe festgestellt. Und im Fall Nelson Mandelas übertrage sich dieses Prinzip der Nähe auf die gesamte Nation.

Zur Einfühlung in den Toten zählt auch die Nachzeichnung des Lebenswegs. Derzeit ist der Leichnam im Amphitheater vor den Regierungsgebäuden in Pretoria aufgebahrt. Zuerst durften sich am Mittwoch Familienangehörige und Freunde am offenen Sarg verabschieden. Seitdem kann auch die Bevölkerung einen letzten Blick auf Mandela werfen. Der Körper des Nationalhelden ist mit einem weißen Laken bedeckt, das Gesicht ist unter Glas zu sehen. Heute wird er noch einmal aufgebahrt sein, bevor er am Abend in die Provinz Ostkap geflogen wird. Dort, in der Nähe von Mandelas Heimatort Qunu, ist für morgen eine traditionelle Zeremonie und für Sonntag die Beerdigung geplant. So schließt sich der Lebenskreis.

Sterben als Heimweg

Friedhöfe, so weiß Thiesbonenkamp, gibt es in Afrika nicht. Die Toten werden am Haus bestattet. Die Vorstellung, dass der Tod ein Teil des Lebens ist, sei in Afrika stärker verwurzelt als bei uns. Das Sterben wird als Heimweg begriffen, und es gibt Phasen des Trauervorgangs: vom Einkleiden des Toten über die Trauerfeier bis zur Nach-Trauer. Die kann sich bis zu zwei Jahre nach dem Tod hinziehen. Der Sinn dieses Prozesses besteht Thiesbonenkamp zufolge darin, dass der Verstorbene zu einem Ahnen werden soll. Denn — so glauben die Afrikaner — wenn der Tote nicht angemessen versorgt wird, bleibt er vielleicht ruhelos und könnte sich in einen Geist verwandeln. Das sei selbst bei den christlichen Afrikanern tief verwurzelt — "und auch bei uns", fügt der Theologe schmunzelnd hinzu.

Totenkulte sind nicht nur in Europa und Afrika Formen der Erinnerung. Der Begriff "Totenkult" ist weniger allgemein gefasst als die Bezeichnung "Ahnenkult". Die umfasst auch die Verehrung von mythischen Vorfahren, von denen man nur aus Erzählungen oder Legenden weiß. Toten- und Ahnenkult setzen den Glauben an ein Weiterexistieren nach dem Tod voraus.

Ist von Totenkult die Rede, denkt man meist zuerst an das alte Ägypten. Schon damals glaubten die Menschen an eine Fortsetzung des Lebens im Jenseits. Darauf bereiteten sich die Wohlhabenden vor. So mumifizierten sie die Körper ihrer verstorbenen Angehörigen, weil sie davon überzeugt waren, dass die Toten ihre "Hülle" zum Weiterbestehen benötigten. Grabbeigaben sollten ihnen den Aufenthalt im Jenseits so angenehm wie möglich gestalten. Regelmäßig wurden ihnen Speise- und Trankopfer dargebracht. In den Bandagen der Mumien fand man außerdem Amulette, die den Verstorbenen schützen sollten.

Auch die alten Griechen und Römer hatten ihre Totenkulte — nicht zu vergessen die Diktaturen bis in die Gegenwart. Die allerdings zeigen, dass solche Kulte auch untergehen, sich sogar ins Gegenteil verkehren können. Nur Unverbesserliche ehren das Andenken an Hitler und Stalin.

(RP)
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