Düsseldorf: Improvisationen zu "Candide"

Düsseldorf : Improvisationen zu "Candide"

Kevin Rittberger hat Voltaires Satire über einen Gutmenschen fortgeschrieben.

Arglosigkeit passt nicht mehr in unsere Zeit. Arglose Menschen sind naiv, treuherzig, zutraulich. Sie taumeln staunend durchs Leben, sind nicht zielstrebig, effizient oder selbstgewiss wie die Zyniker, sondern halten alles für möglich, sogar das Gute. Das widerspricht dem Zeitgeist in der rationalen, pessimistischen Welt, in ihr ist kein Platz für die Vertrauensseligen. Darum hat Kevin Rittberger der Arglosigkeit einen Schutzraum geöffnet: das Theater.

Am Düsseldorfer Schauspielhaus hat er Voltaires sarkastische Novelle "Candide" fortgesponnen. Sein Stück setzt ein, als der sanftmütige Titelheld erschöpft am Bosporus angelangt ist. Voltaire hatte Candide losgeschickt, die beste aller möglichen Welten zu entdecken, doch erlebt hat er Kriege, Erdbeben, heimtückische Menschen. Nun macht er, was einem ernüchterten Optimisten übrig bleibt: Er beschließt, seinen Acker zu bestellen. Aus dem Philosophen ist ein Pragmatiker geworden, aus dem Welterkunder ein Bauer auf der heimischen Scholle.

Rittberger macht aus diesem Candide zunächst einen Genossenschaftler, der auf dem Land neu beginnen will. Doch mit seinen Gefährten am Bosporus klappt nicht einmal ein Gespräch. Die fünf Menschen auf der Bühne verfallen in Monologe, berichten von Schicksalsschlägen, erzählen Biografien, in denen sich Candide-Motive mit Globalisierungs-Opfergeschichten mischen. Elend ist zeitlos.

Doch Rittberger ist kein Zyniker. Er ist nicht darauf aus, die Kapitalismuskritiker von heute mit Spott zu übergießen und ihre Revolutionsrhetorik zu entlarven. Lieber macht er einen Schnitt, holt Shahrazad auf die Bühne, eine Derwisch-Tänzerin, und schickt seine Darsteller zu ihr in die Schule des sakralen Tanzes. Schluss mit dem Geschwätz auf der Bühne. Die Zuschauer erleben, wie Laien schweigend in eine fremde Kultur eintauchen, ein bisschen unbeholfen zu tanzen beginnen, sich am Ende drehen in ihren schlichten Derwischgewändern, bis die Fliehkraft die Röcke fliegen lässt. Schön sieht das aus, wie Blütenkelche.

Später werden die Schauspieler in einem Instrumente-Aktionsraum des Kölner Musikers Volker Zander mit derselben Naivität Trommeln, Gitarren, Schlagwerk bearbeiten. Aus Candides "Zurück zur Natur" ist ein "Zurück zur Naivität" geworden. Arglos zeigen die Schauspieler, wie fruchtbar Dilettantismus sein kann.

Freilich haben sie vorher ihre Soli gehabt. Betty Freudenberg etwa als Elendstouristin in Afrika, Ingo Tomi als renitenter Genossenschaftler, Florian Jahr als glühender Candide, Xenia Noetzelmann als geschundene Prostituierte. Sperrige Textmengen müssen die Schauspieler bewältigen, aus Theorie Theater machen. Ihr Regisseur macht es ihnen nicht leicht, doch die Schauspieler bezwingen die Textberge.

Rittberger ist nicht so naiv, selbst eine Utopie zu entwerfen für den Neuanfang des Candide, und auch nicht so zynisch, diesen Versuch per se lächerlich zu machen. Sein Ausweg ist die Kunst. Die Naivität des Spiels. Er inszeniert das Theater als Ort, an dem Menschen tatsächlich Neuanfänge wagen. Intellektuell befriedigend ist das nicht, aber anrührend in seinem Vertrauen auf die Kunst. Rittberger zeigt Theater, das nur versteht, wer es miterlebt. Ganz arglos.

Info Voltaires "Candide" läuft das nächste Mal im Düsseldorfer Schauspielhaus, Gustaf-Gründgens-Platz, am Mittwoch, 6. März, um 19.30 Uhr im Kleinen Haus.

(RP)
Mehr von RP ONLINE