„Tannhäuser“ in Wuppertal Sängerwettstreit im Kiez

Wuppertal · In Wuppertal gab der neue Generalmusikdirektor Patrick Hahn seinen grandiosen Einstand am Opernhaus mit Richard Wagners „Tannhäuser“.

 Norbert Ernst als Tannhäuser in der Dortmunder Wagner-Premiere.

Norbert Ernst als Tannhäuser in der Dortmunder Wagner-Premiere.

Foto: Jens Grossmann/Wuppertaler Bühnen

Obwohl die Theater- und Konzerthäuser nun wieder vor Publikum spielen dürfen, kann von einem Normalbetrieb keine Rede sein. Denn nun zwingen die hohen Infektionszahlen die Veranstalter immer wieder zu kurzfristigen Absagen und Verschiebungen. Besonders hart getroffen hat es das Wuppertaler Opernhaus: Nach den Corona-Lockdowns, einem katastrophalen Wasserschaden durch das Hochwasser im vergangenen Sommer und Spielbetrieb in notdürftig hergerichteten Ersatzspielstätten musste nun auch noch die Premiere von Wagners „Tannhäuser“ wegen Krankheitsfällen im Ensemble zwei Mal verschoben werden.

Im dritten Anlauf vor vollem Haus aber glückt nun tatsächlich mit der ambitioniertesten Neuproduktion dieser Spielzeit ein erlösender Erfolg, der sich vor allem der musikalischen Seite des Abends verdankt. Patrick Hahn ist mit gerade einmal 27 Jahren der jüngste Generalmusikdirektor in Deutschland und stellt mit seinem souveränen Wagner-Dirigat unter Beweis, warum er zu Recht als Shooting-Star unter dem Dirigier-Nachwuchs gehandelt wird.

Schon die Ouvertüre mit der anschließenden Venusberg-Szene zeigt seine Klasse am Pult. Die Bläser-Einleitung, für die Wagner „Andante maestoso“ vorschreibt, nimmt Hahn gefährlich langsam, aber die Spannung hält. Dann zieht er nach und nach das Tempo an und entfaltet mit großem Atem die imposante Architektur dieser Musik. Die Wuppertaler Sinfoniker klingen vital und kernig, um sich gleich darauf im Venus-Berg in flirrender Leichtigkeit gleichsam zu entmaterialisieren.

Verblüffend präzise und immer treffsicher in der Tempo-Wahl steuert Hahn die großen Ensembles und heiklen Chorszenen, die selbst in Bayreuth häufig wackeln. Hier klappert nichts, dabei lässt Hahn aber keineswegs einfach durchmarschieren, sondern sorgt immer wieder für feinste Abstufungen im Verlauf, dämpft die Dynamik, bremst das Tempo, zieht dann wieder an und achtet sorgsam auf Transparenz. Auch mit dem Gesangs-Ensemble und dem Chor hat er hörbar an Details und der Diktion gearbeitet, es klingt durchweg plastisch und erfüllt.

Regisseur Nuran David Calis debütiert mit „Tannhäuser“ im Opernfach und verlegt die Handlung in einen heutigen Kiez vom Typ der Kölner Keupstraße, auf drei Video-Screens wird das Nagelbombenattentat des NSU in Erinnerung gerufen. Der Sängerkrieg ist inszeniert als bodenständiges Multikulti-Straßenfest, der „Club Venus“ erinnert mit lockenden Damen in schummrigen Schaufenstern dagegen eher ans Amsterdamer Rotlichtviertel.

Landgraf Hermann (Guido Jentjens mit sonorem, etwas festem Bass) trägt Kaftan und Imam-Bart, Tannhäuser (grandios Norbert Ernst mit lyrischem Ton und packender Attacke) ist ein tätowierter Outlaw mit Lederjacke, Venus (Allison Cook mit übersteuertem Sopran) ist in Lederbody und Netzstrümpfen angemessen verrucht, Elisabeth (Julie Adams nach Anfangsproblemen mit wunderbarem Legato und Pianokultur) scheint eher handfest als vergeistigt, und Wolfram von Eschenbach (Simon Stricker mit strömendem Bariton) könnte Sozialarbeiter sein. Die Regie bietet wenig Einsichten, aber immerhin einige atmosphärische Bilder. Großer Jubel am Ende für ein grandioses Debüt.