Älteste Orgel steht im westfälischen Ostönnen So klingt das 15. Jahrhundert

Ostönnen · Im kleinen westfälischen Ostönnen ist eine Sensation zu sehen und zu hören: die älteste spielbare Orgel der Welt. Jahrringanalysen ergaben für das Holz ein Fälldatum von 1410.

 Die wahrscheinlich älteste noch spielbare Orgel der Welt steht in einer kleinen St. Andreas-Kirche in Ostönnen in der Soester Börde. Das Holz stammt etwa aus dem Jahr 1425.

Die wahrscheinlich älteste noch spielbare Orgel der Welt steht in einer kleinen St. Andreas-Kirche in Ostönnen in der Soester Börde. Das Holz stammt etwa aus dem Jahr 1425.

Foto: Schröder, Lothar

Machen wir uns nichts vor: Zwischen dem gut 1000 Einwohner zählenden Ostönnen und dem benachbarten Westönnen mit seinen zweieinhalb tausend Einwohnern liegen Welten. Glaubenswelten. Im Westen die Katholiken, im Osten die Protestanten. Und das war fast seit Menschengedenken so. Schon in der berüchtigten Soester Fehde von 1444 fanden sich die Westönner auf der Seite des kölnischen Kurfürsten ein und kämpften gegen die Ostönner. Der Graben zwischen beiden Dörfer entlang des legendären Hellwegs ist also beträchtlich und erkennbar bis heute: Westönnen ist ein Teil von Werl, Ostönnen einer von Soest.

Und warum jetzt diese alte Geschichte? Weil einen mehr oder weniger der Zufall in die Soester Börde gespült hat, in diese leichte Hügellandschaft mit den kleinen Dörfern und ihren auffälligen Häusern aus Grünsandstein. Und dann steht man auf einer kleinen Anhöhe mitten im Dorf von Ostönnen vor der evangelischen St. Andreas-Kirche und trifft auf Helmut Reineke. Da der Landarzt und gebürtige Ostönner die Schlüsselgewalt über die Kirche hat und ein freundlicher Mensch ist, entschließt er sich zur kleinen Führung mit der gelassenen Bemerkung, dass wir gerade vor der ältesten spielbaren Orgel der Welt stehen. Diese ordentliche Sensation wissen die Ostönner aber nicht seit Menschengedenken. Noch 1951 plädierte ein Sachverständiger der Westfälischen Landeskirche dafür, die barocke Orgel mit nur acht Registern doch durch ein neues Instrument zu ersetzen, da das vorhandene Exemplar ein „übler Schreier“ sei. Glücklicherweise waren die Kirchenkassen damals zu klamm für solche Pläne.

Zumindest waren Mittel für die Restaurierungen da, wie jene folgenreiche aus dem Jahr 2002. Dabei wurden auch die Holzteile der Windlade untersucht. Die Jahrringanalyse ergab ein Fälldatum von 1410. Danach mussten die Hölzer in aller Regel 15 Jahre getrocknet werden, so dass der Bau dieser Orgel zwischen 1425 und 1430 datiert werden konnte. Ebenso alt sind 326 der 528 klingenden Pfeifen, allesamt aus reinem Blei gefertigt. Das Notenpult stammt von 1435, während die gotischen Ornamente zwischen 1447 und 1480 gefertigt wurden. Bislang vermutete man die älteste bespielbare Orgel im schweizerischen Sion, oder im ostfriesischen Rysum, oder im Rheingauer Kiedrich. Nach Ostönnen schaute lange niemand.

Wer die Orgel erbaute, ist unbekannt. Und die Geschichte der Orgel beginnt auch nicht in Ostönnen, sondern in Soest. Dort nämlich stand das prächtige Instrument. Bis der junge westfälische Orgelbauer Johann Partoclus Möller (1698-1772) den Auftrag bekam, in der Soester Kirche von Alt St. Thomae ein neues Instrument zu bauen. Wohin mit dem „alten Ding“? Für 50 Reichstaler nahm Möller sie in Zahlung, fand aber schon bald dankbare Abnehmer in Ostönnen. Für 200 Reichstaler wanderte die Orgel in die Andreaskirche und wurde vor fast  300 Jahren ein zweites Mal eingeweiht. „Victoria, die Orgel ist da!“, soll der Ostönner Pfarrer damals ausgerufen haben.

Und wie es im Laufe der vielen Jahre so passiert, wurde vor allem das Gehäuse hier und da ergänzt und ausgetauscht, auch wanderte die Orgel in der Kirche von hü nach hott. Ihren heutigen Platz an der Westwand im Turmgewölbe hat sie seit 1962 inne. Sogar die uralte Windlade wurde irgendwann einmal gedreht und wird jetzt durch einen Spunddeckel „beatmet“.

Das Erfreulichste aber dürfte sein: dass die Orgel lebt. „So eine besondere Orgel muss erklingen. Sie muss einfach gespielt werden, und nicht nur in Gottesdiensten“, so Reineke. Und ganz besonders virtuos ereignet sich das in den Konzerten des „Ostönner Orgel Sommers“, den es seit  ungefär zehn Jahren gibt.

Dass heute noch Orgeltöne genau so erklingen, wie sie Menschen vor 600 Jahren schon hörten, macht andächtig, sprachlos und auch ein bisschen demütig. Ein Glücksfall, der – so komisch das klingt – oft der schmalen Kirchenkasse zu verdanken war. Denn wie heißt es so treffend: Armut ist die beste Denkmalpflege!