Im Malkastenpark führen Studierende der Kunstakademie die vierstündige Oper „Akademia“ auf.

Oper : Buntes Künstlerleben in sechs Akten

Im Malkastenpark führen Studierende der Kunstakademie die vierstündige Oper „Akademia“ auf.

Ein großes, 15 Meter langes Holzschiff steht gerade im Malkastenpark. Auf dem Teich dümpeln bunte, aufblasbare Badetiere und vor dem Hentrich-Haus steht ein kleines, überdachtes Amphitheater aus Holz. Weiter hinten im Park – versteckt zwischen den alten Bäumen – ist eine Sofaecke aufgebaut und ein transparentes Zelt mit bunten Stoffdach. Denn dort findet in diesen Tagen ein besonderes Kunsterlebnis statt, das der altehrwürdige Park des Künstlervereins schon lange nicht mehr gesehen hat: Es wird die Oper „Akademia“ aufgeführt.

Nur noch selten werden neue Opern geschrieben, vorzugsweise im institutionellen Rahmen eines Festivals oder eines Opernhauses. „Academia“ wiederum hat ein Team von etwa 100 engagierten Menschen unter der Leitung der Kunstakademie-Studentin Aylin Leclaire auf die Beine gestellt. Mehr als vier Stunden geht das Singspiel in sechs Akten auf fünf Bühnen über das Leben und Scheitern der jungen Kunststudentin Lara Wittenberg. Und in jeder Szene, in jeder Note und in jedem Bühnenbild sieht man die Hingabe, die jeder einzelne der 100 Beteiligten in dieses – zugegebenermaßen etwas wahnsinnige – Projekt gesteckt hat.

Etwa die Hälfte der Akteure sind Akademiestudenten, die andere Hälfte interessierte Außenstehende, darunter auch einige studierte Sänger. Was auf den ersten Blick nach Laientheater klingt, ist wirklich große und engagierte Kunst. Gemacht mit dem Herzblut, das eine institutionelle Opernaufführung an einem mit Steuergeldern finanzierten Opernhaus nie haben wird.

Die erste Szene im Amphitheater spielt die Semestereröffnung nach. Studierende werden von Beth Stone, eine Karikatur der ehemaligen Akademie-Rektorin Rita McBride, begrüßt. Diese spricht, wie im echten Leben, standhaft nur Englisch. Und gibt den neuen Studierenden vor allem Plattitüden mit auf den Weg. So solle die Akademie sich nicht nur ins 21., sondern auch ins 25. Jahrhundert orientieren. Diese wahren Worte von McBride werden im Laufe des Stückes noch etliche Male aufgegriffen – und karikiert.

In „Akademia“ wird nicht das romantische Künstlerleben an einer renommierten Kunsthochschule gefeiert, sondern eine kalte Welt, die sich nur noch am Kunstmarkt ausrichtet. Und vor allem eine Welt, in der alle Charaktere ihre Ideale aufgeben, um im Haifischbecken Kunstakademie zu überleben. Dass das am Ende für die moralisch integre, aber naive Hauptfigur Lara Wittenberg nicht gut ausgeht, ist die logische Schlussfolgerung.

Nach der Semestereröffnung werden vier verschiedenen Szenen auf den jeweiligen Bühnen viermal wiederholt. In langen Pausen zwischen den Szenen schlendern die Zuschauer durch den Park, trinken Bier oder essen Currywurst. Im Inneren des Holzschiffes betrinken sich Studierende im Asta-Café auf einer Drehbühne und schwafeln über Revolution, die am Ende natürlich doch im Bierrausch ertrinkt. Die Senatssitzung auf dem Teich artet in wüste Beschimpfungen der Professorenschaft aus. In einem sehr undurchsichtigen Wahlverfahren wird dann doch noch ein neuer Rektor gewählt, der erstmal die 24-Stunden-Schlüssel für Studierende abschafft und die Bilder aus den Gängen entfernen lässt (wie auch im echten Akademie-Leben). Das Kolloquium eines alten, auf einem Krückstock gestützten Malerfürsten (Vorbild ist Siegfried Anzinger) wird schnell zum Klassenbesäufnis mit Professor. Und auch beim Aktzeichnen sitzen die Studierenden zusammen, reden viel, saufen noch mehr, aber ändern wenig.

Den Schluss der Szenen macht dann jeweils die blauhaarige Lara Wittenberg, die immer wieder ihre Enttäuschung über die Zustände an der Akademia zum Ausdruck bringt. So wird „Akademia“ zu beißenden Kritik an der Ökonomisierung einer immer unfreieren Kunstwelt.

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