Fritz Kalkbrenner: "Ich habe mich gefühlt wie ein König"

Fritz Kalkbrenner : "Ich habe mich gefühlt wie ein König"

Der Produzent und Sänger Fritz Kalkbrenner veröffentlicht in diesen Tagen sein drittes Album "Ways Over Water". Im Interview spricht der Ostberliner über seine ersten Schritte zur Musik kurz nach der Wende und sein Verhältnis zu seinem älteren Bruder, dem erfolgreichen Techno-Musiker Paul Kalkbrenner.

Der Titel Ihres neuen Albums lautet "Ways Over Water" — das klingt biblisch. Erleben wir nun eine fromme Seite von Ihnen?

Kalkbrenner: Nein, überhaupt nicht. Ich bin Atheist und deshalb ist ein solcher Bezug ziemlich weit von mir entfernt. Der Titel ist vielmehr als Metapher dafür zu verstehen, dass man die wirklich wichtigen Probleme im Leben meistern kann. Egal was es ist: von der nächsten Mietzahlung bis zum Versterben eines Familienmitgliedes. Viele diese Probleme erscheinen am Anfang unüberwindbar — aber irgendwie findet man dann immer den Weg übers Wasser.

Gab es für die Idee ein Schlüsselerlebnis bei Ihnen?

Kalkbrenner: Natürlich habe ich das alles auch schon einmal erlebt. Aber ein bestimmtes Erlebnis habe ich dafür nicht im Kopf gehabt, vielmehr fügte sich aus einem Sammelsurium von Ereignissen ein Grundgefühl zusammen. Das war ausschlaggebend.

Der Titel passt aber auch zu einem anderen Kontext, der in Ihrem Leben eine große Rolle gespielt hat: der Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren. Sie waren damals als Kind in Ostberlin.

Kalkbrenner: Es war eine absurde Zeit.

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Warum?

Kalkbrenner: Der Moment nach dem Mauerfall war für uns eine befreiende, aber auch ernüchternde Zeit. Da sind Dinge passiert, die wir am Anfang gar nicht glauben konnten. Ich erinnere mich noch, dass ich direkt am 10. November 1989 mit meinen Eltern und meinem Bruder Paul in den Westen gefahren bin. Mit dem Begrüßungsgeld standen wir dann auf dem Ku'damm und trauten unseren Augen nicht.

Haben Sie als Achtjähriger überhaupt verstanden, was dort gerade um Sie herum passiert?

Kalkbrenner: Natürlich nicht so in aller Tiefe. Aber ich konnte aus den Reaktionen und Gefühlen der Menschen um mich herum lesen, was gerade stattfindet. Und dadurch habe ich mich schon als "Befreiter" gefühlt. Die Zeit nach der Wende war sehr desorientiert, weil viele Strukturen weggebrochen sind. Es kam zu einer Sturm-und-Drang-Phase im Osten, alle Extreme wurden ausgelotet. Nicht nur Gutes.

Wie wichtig war die Musik für die Menschen zu dieser Zeit?

Kalkbrenner: Sehr wichtig, weil man dort diese Sturm-und-Drang-Phase ausleben konnte. Bestes Beispiel ist der Techno, in Berlin entstand dafür in dieser Zeit eine Subkultur. Alles war unglaublich extrem, wild und laut. Das musste auch so sein. Es war ein unglaublich kräftiger, energetischer und urbaner Schub — so konnte man die belastentenden Dinge förmlich abschütteln. Daran wollte man natürlich als Jugendlicher auch teilhaben. Wenn es nicht so gekommen wäre, dann wäre ich sicher kein Musiker geworden sondern wahrscheinlich eine verkrachte Existenz in der DDR.

Das waren also auch Ihre ersten Schritte Richtung Musik.

Kalkbrenner: Ja, am Anfang durfte ich natürlich noch nicht in die Clubs, da war es für uns eher der "Sound der Straße". Später habe ich dann in einer Disco gearbeitet und mir die Nächte für stolze 80 Mark um die Ohren geschlagen — ich habe mich gefühlt wie ein König. Damals wollte ich schon eigene Musik machen, kreativ Lieder schreiben.

Trotzdem nahmen Sie einen Umweg, arbeiteten zunächst als Journalist.

Kalkbrenner: Die Zeit, von der Musik leben zu können, war für mich damals einfach noch nicht reif genug. Ich habe es erst einmal nur als Hobby gesehen — als Musiker daheim quasi. Irgendwann kamen die ersten Auftritte, von denen ich auch leben konnte. Das hat mir dann Zuversicht gegeben.

Wie viel Einfluss hatte Ihr älterer Bruder Paul, der damals schon von seiner Musik leben konnte?

Kalkbrenner: Na, es war fast schon hinderlich. Unsere Eltern schlugen natürlich die Hände über dem Kopf zusammen und riefen: "Die Kinder lernen nichts Vernünftiges. Nun will auch der andere von der Musik leben." Paul hat mich aber sehr unterstützt und mir viel geholfen — allerdings nicht ganz ohne warnenden, erhobenen Zeigefinger.

Hatten Sie keine Bedenken, nur als der kleine Bruder wahrgenommen zu werden?

Kalkbrenner: Ich kann verstehen, wenn Außenstehende das so sehen. Aber wir sind die Sache relativ sorgenfrei angegangen, für uns gab es da keine Probleme. Eher im Gegenteil: Lange Zeit haben wir uns gegenseitig geholfen und uns die Musik gegenseitig vorgespielt. Das hat jetzt ein bisschen nachgelassen, weil wir unser Handwerk nun besser verstehen — aber trotzdem freue ich mich über seine Reaktion auf meine Arbeit.

Bei "Ways Over Water" gibt es wieder einige Gemeinsamkeiten mit den vergangenen Alben: Man hört deutlich Ihre Einflüsse aus Soul und Jazz, auch singen Sie wieder bei vielen Stücken.

Kalkbrenner: Ein Pionier bin ich deshalb nicht — es gibt ja auch andere, die das machen. Aber ich fühle mit dieser Musik und versuche sie reflektiert in ein Dancefloor-Konzept einzupassen. Was den Gesang betrifft, war es für mich nicht sofort so leicht. Anfangs, noch vor dem ersten Album, habe ich mich damit schon schwer getan — es war ein Sprung ins kalte Wasser.

Ihre Texte sind oft melancholisch, die Musik hingegen warm und fröhlich. Wieso dieser Kontrast?

Kalkbrenner: Ich mag Kontradiktion. Diese melancholischen, schwermütigen Texte liegen mir einfach. Ich habe noch nie ein lustiges Lied geschrieben.

Die Musik hat Sie schon mehrfach um den Globus reisen lassen, sie treten in Asien, Australien und den USA auf. Ist es leicht mit elektronischer Musik im Ausland Erfolg zu haben?

Kalkbrenner: Ich denke schon. Die elektronische Musik und die Szene, die ihr anhaftet, ist sehr international ausgerichtet. Die Szenen in den anderen Ländern, zeigen ziemlich schnell Interesse an fremden Künstlern und die Nachfrage ist da — im Gegensatz zu einer Rockband, wo es möglicherweise viel langsamer vorangeht.

Ist Ihnen bei einem Auftritt ein Ort besonders im Gedächtnis geblieben?

Kalkbrenner: Ich habe mal in einem alteingesessenen Club in Sydney gespielt — und da waren es gefühlt 65 Grad. Nach den ersten zehn Minuten musste ich mir notgedrungen aus Tüchern improvisierte Schweißbänder an die Handgelenke machen, damit nichts in mein Mischpult läuft. Nach der Show sah ich aus, als hätte ich mit Klamotten unter der Dusche gestanden. Der Laden hat richtig geschwommen.

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