Daniel Barenboim: "Ich bin verliebt in mein neues Klavier"

Daniel Barenboim: "Ich bin verliebt in mein neues Klavier"

Der weltberühmte Pianist hat sich einen eigenen Konzertflügel bauen lassen - als Synthese aus historischem Klangideal und moderner Technik. Das Modell heißt "Barenboim". Am Dienstag spielt der Künstler in der Düsseldorfer Tonhalle.

Düsseldorf Der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim hat sich für mehrere 100 000 Euro einen eigenen Flügel bauen lassen. Das Modell "Barenboim" wurde von dem belgischen Klavierbaumeister Chris Maene in Verbindung mit der Klavierbaufirma Steinway & Sons kreiert. Am kommenden Dienstag (16. Juni, 20 Uhr) gastiert der Pianist beim Klavierfestival Ruhr in der Düsseldorfer Tonhalle. Barenboim spielt späte Sonaten von Schubert - auf seinem "Barenboim".

Pianisten klagen häufig darüber, dass sie sich auf fremden Klavieren unwohl fühlen. Wie lange währt Ihr Unwohlsein schon?

Barenboim Mir war nie unwohl, ich spiele ja nun seit Jahrzehnten auf Konzertflügeln, meistens von Steinway, und in jüngerer Zeit hatte ich sowieso einen eigenen Flügel dabei. Aber nun habe ich ein Instrument, das mir klanglich optimal gefällt. Das ist wie ein neues Leben.

Wächst einem Pianisten auf fremden Flügeln nicht ein dickes Fell?

Barenboim Man gewinnt Routine. Es gibt Klaviere, die klirren, wummern, ungleichmäßig intoniert sind und einen lähmen. Aber manchmal macht man auf fremden Flügeln auch wunderbare Erfahrungen - dann ist es wie ein Gespräch von Mensch zu Mensch, nicht wie von Mensch zu Maschine.

Es ist nicht die Regel, dass sich ein Pianist einen Flügel bauen lässt.

Barenboim Ja, das stimmt, aber ich hatte ein Erweckungserlebnis, das mich umgehauen hat. Ich habe 2011 in Siena auf einem restaurierten Flügel von Liszt gespielt. Ich habe diesen Klang nie mehr vergessen.

Was war anders?

Barenboim Zu Liszts Zeiten waren die Saiten noch gerade und parallel angelegt. Später wurden sie diagonal oder über Kreuz gespannt - das haben wir rückgängig gemacht.

Was bringen diese klavierbaulichen Änderungen für den Klang?

Barenboim Er ist viel transparenter, wunderbar durchsichtig - man hört wie auf den Grund eines Tons. Das ist eine akustische Trennschärfe, die mich fasziniert. Dass Bässe mulmig klingen, erlebe ich nicht mehr.

Sie klingen verliebt!

Barenboim Tue ich das? Sie haben Recht, ich bin wirklich verliebt, es ist ja eine ganz junge Liebe. Ich besitze das Instrument erst seit April und verbringe jede freie Minute daran.

Ist Ihr neues Klavier eine Synthese aus Alt und Neu?

Barenboim Es verbindet ein historisches Klangideal und moderne Technik. Der Flügel hat zum Beispiel absolut das Volumen eines Klaviers von heute. Aber die Art, wie er zu mir spricht, ist wie eine Erinnerung aus besten alten Zeiten. Der große Artur Rubinstein hat mir als Kind mal gesagt: "Daniel, du musst dir immer ein Klavier suchen, dass dich inspiriert." Jetzt habe ich es. Die Inspiration der Musik gelangt ja schwächer zum Hörer, wenn das Instrument nicht auch seine Impulse schickt.

Was kann der neue "Barenboim", was kann er nicht?

Barenboim Darf ich Ihnen etwas verraten? Er kann alles, ich bin selbst überrascht. Ich habe schon vieles ausprobiert, Liszt, Boulez, Bartók, Beethoven, Schubert - alles so, wie ich es mir erträumt habe.

Also keine Alternativen und Kompromisse mehr in der Zukunft?

Barenboim Das habe ich nicht gesagt. Sicher werde ich auch in Zukunft Musik auf anderen Flügeln spielen, und auch das werden hoffentlich animierende Kontakte sein.

Wie verändert der neue Klang den Pianisten Daniel Barenboim?

Barenboim Das Instrument fordert mich sehr. Es erweitert mein klangliches Spektrum, er hat mehr Klarheit, weniger Klangmischung in sich selbst; das erlaubt mir als dem Pianisten, diese Abmischung selbst zu gestalten. Die Beziehung zwischen der Fingerspitze und der Taste ändert sich aber auch, der Ton spricht sehr schnell an. Und weil der Ton so transparent ist, experimentiere ich daran, wie ich die Pedale einsetze.

Alfred Brendel besaß gegen Ende seiner Karriere fast eine Expertise als Klaviertechniker; er hatte oft Streit mit den Stimmern. Sind Sie jetzt Fachmann für Klavier-Innereien?

Barenboim Ich bitte Sie! Ich verstehe nichts von Autos, ich fahre sie auch nicht gerne, und ebenso wenig verstehe ich von Flügeln. Die technischen Aspekte waren mir immer zu kompliziert, dafür gibt es Experten. Ich habe aber ein professionelles Bauchgefühl. In 65 Jahren an Konzertflügeln entwickelt man eine gewisse Sachkunde.

Nun spielen Sie in Düsseldorf nur Sonaten Schuberts. Wird das Publikum merken, dass es ein neuer Flügel ist?

Barenboim Hoffentlich nicht. Ich wäre glücklich, wenn es mir gelingt, dass sich die Hörer auf Schubert konzentrieren, nicht auf das Instrument. Die Hörer werden den Abend hoffentlich genießen. Wenn der neue Flügel dabei hilft, umso besser.

Wenn ich an gewisse Triller im Bass von Schuberts B-Dur-Sonate denke, ist ein Klang, der besser differenziert, natürlich sehr hilfreich. Sonst klingt es leicht wie Donnergrollen.

Barenboim Ich weiß, welche Stelle Sie meinen! Sie klingt jetzt tatsächlich wunderbar. Ich bin gutes Mutes, dass sie mir am Dienstag gelingt.

Und wenn nicht?

Barenboim Nun, ich gehe in Düsseldorf hinterher in jedem Fall japanisch essen, egal wie das Konzert wird.

Tickets für Daniel Barenboim in der Düsseldorfer Tonhalle bei westticket.de.

(RP)