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Köln-Mülheim: "Ich bin ein Mann der Gegenwart"

Köln-Mülheim : "Ich bin ein Mann der Gegenwart"

Der künftige Erzbischof von Köln kehrte gestern zu seinen Wurzeln zurück und besuchte in Köln-Mülheim die Pfarre seiner Kindheit und Jugend. Es war auch eine Erinnerungsreise in eine vormals heile katholische Welt.

"Anna ist doof" hat ein von Anna offenbar ziemlich Enttäuschter mitten auf die Kirchenpforte geschrieben. Doch für ein Ärgernis reicht es an diesem Nachmittag nicht, an dem sich die gesamte Bruder-Klaus-Siedlung in Köln unter spätsommerlicher Sonne zur Siesta begeben hat. Dabei wird ein Heimkehrer erwartet; er ist in der ehemaligen Siedlung für Vertriebene aufgewachsen, ist Messdiener geworden und hat damals im Jugendzentrum leidenschaftlich Sitzfußball gespielt, bis der Boden des Saales blitzsauber und der Hosenboden des Jungen pechschwarz war. Heute ist er mit 58 Jahren der jüngste Kardinal der Welt, und zurückgekehrt ist er als neuer Erzbischof von Köln und damit als 94. Nachfolger des Heiligen Maternus.

Zur formlosen Begrüßung von Rainer Maria Woelki sind ein paar alte Freunde gekommen. Handschlag, Umarmung, unverstellte Wiedersehensfreude. Unter anderem mit seinem Freund von einst, Klaus-Dieter, der ihm berichtet, er sei jetzt schon im Vorruhestand. Da lacht Woelki, weil er unwillkürlich daran denken muss, dass er frühestens in 17 Jahren so etwas wie eine Pension genießen wird. "So ungerecht sind eben die Dinge im Leben verteilt." Ein anderer hat ein kleines Büchlein "verbrochen", wie er jovial sagt, das er dem Kardinal noch in Plastikfolie verschweißt überreicht: eine "Bibel op Kölsch".

Gute drei Jahre war der gebürtige Kölner als Erzbischof in Berlin, in der ostdeutschen Diaspora also, in der gerade einmal neun Prozent der Bevölkerung noch katholischen Glaubens sind. Kein Vergleich also zu Köln, das mit fast 2,1 Millionen Katholiken immer noch das mitgliederstärkste, darum auch das einflussreichste Bistum im deutschsprachigen Raum ist. Natürlich sind das zwei Welten. Doch ist auch die Zeit von Woelkis Jugend längst nicht mehr mit der Gegenwart vergleichbar. Im Pfarrsaal, der die sterile und mittlerweile etwas schäbig gewordene Funktionalität der Nachkriegsbauten atmet, erinnert sich Woelki "an die geschlossene heile katholische Welt". An die Sing- und Kochwettbewerbe, die Lager der Pfadfinder mit den Angst machenden Nachtwachen. Schließlich die großen Karnevalssitzungen, in denen Rainer Maria Woelki zwar kräftig mitmachte, allerdings mit dürftigem Erfolg. Das sei nie sein Ding gewesen, sagt einer vom überschaubaren Begrüßungskomitee - und fügt, aus Sorge, zu kritisch zu sein, flugs an: Er habe ja andere Talente.

Berlin ist an dem Kardinal nicht spurlos vorübergegangen. Einer seiner letzten Besuche in der Hauptstadt galt vor ein paar Tagen der Armenküche der Malteser. Und wenn der neue Erzbischof heute in der Düsseldorfer Staatskanzlei vereidigt wird, will er Ministerpräsidentin Hannelore Kraft auf die Not und das Elend der Flüchtlingsfamilien aufmerksam machen. Die päpstliche Vision von einer armen Kirche scheint Woelki mehr als viele andere Bischöfe umzutreiben. Zwar wurde das Bischofshaus nach der langen Meisner-Ära jetzt für 1,54 Millionen Euro renoviert und umgebaut, allerdings ließ er seine Privatwohnung auf 160 Quadratmeter verkleinern; und eine Haushälterin wird es auch nicht mehr geben. "Ich will so normal wie möglich bleiben", sagt er.

Weil Woelki gelernt hat, auch auf vermeintlich kritische Fragen passabel zu antworten, wird er gern auf vermeintlich kritische Themen angesprochen. Homosexuelle? "Sie gehören zur Kirche wie alle anderen auch. Ich reduziere niemanden auf seine sexuelle Orientierung. Die Präferenz liegt aber bei der sakramentalen Ehe zwischen Mann und Frau". Die Bedeutung der Laien in der Kirche? "Die Kirche besteht ja praktisch nur aus Laien. Dass es so einen wie mich gibt, habe ich ihnen zu verdanken." Zu den Querelen, die es unter Kardinal Meisner gab? "Ich möchte mich nicht mit der Vergangenheit beschäftigen. Das ist Schnee von gestern. Ich bin ein Mann der Gegenwart und der Zukunft." Seine wichtigste Aufgabe? "Ich möchte dem Evangelium ein Gesicht geben. Ich bin kein Politiker. Meine Botschaft trägt den Namen Jesus Christus." Begleitete Sterbehilfe? "Es ist besser, an der Hand eines Menschen zu sterben als durch die Hand eines Menschen." Und schließlich zum bevorstehenden Fußball-Derby zwischen Köln und Mönchengladbach? "Ich hoffe sehr auf die 50 000 Kölner Fans und weniger auf die paar Leute in Grün auf der Nordtribüne. Aber auch sie genießen natürlich Menschenrechte."

Dann fährt Woelki, der vor dem Besuch im Pfarrzentrum noch am Grab seines Vaters war, zurück ins Bischofshaus, in dem noch Chaos herrsche. Morgen wird er, obgleich er noch Erzbischof von Berlin ist, in der Staatskanzlei seinen Eid auf die Verfassung ablegen und am Samstag im Dom feierlich ins Amt eingeführt. In der Bruder-Klaus-Siedlung ist längst wieder Ruhe eingekehrt. In seinem neuen bischöflichen Wappenschild aber bleibt seine Herkunft erkennbar: mit dem sogenannten Radbild von Bruder Klaus, einem Meditationssymbol.

(RP)