"I Am Not Your Negro" im Kino: James Baldwin wird wiederentdeckt

"I Am Not Your Negro": James Baldwin wird wiederentdeckt

Die Kino-Dokumentation "I Am Not Your Negro" porträtiert den US-Autor.

Der amerikanische Schriftsteller James Baldwin lebt in Paris, als er 1957 die erschütternden Bilder sieht. Alle Zeitungen drucken sie, Nachrichtensendungen strahlen sie aus, und dieser Film holt sie nun zurück ins Gedächtnis. Sie zeigen die 15-jährige Dorothy Counts. Ihr Vater ist Professor, sie trägt ein Kleid, und es ist ihr erster Tag an der Harding-Highschool in Charlotte, North Carolina. Counts ist die erste schwarze Schülerin dort, und auf ihrem Weg zum Unterricht wird sie bespuckt und mit Steinen beworfen. Drei Tage geht das so; schließlich verlässt das Mädchen die Schule. "Jemand hätte ihr beistehen müssen", denkt Baldwin in seinem Exil. Dann kehrt er heim in die USA.

"I Am Not Your Negro" heißt der sehenswerte und bedrückende Dokumentarfilm, der diese Geschichte erzählt. Regisseur Raoul Peck war mit der Produktion soeben für den Oscar nominiert. Er porträtiert darin den schwarzen Autor Baldwin und dessen vergeblichen Kampf gegen Ungleichheit. Baldwin gehörte von den 50er bis 70er Jahren zu den großen Intellektuellen des Landes, seine Romane "Gehe hin und verkünde es vom Berge" und "Eine andere Welt" waren Bestseller, seine Stimme wurde gehört, und immer wieder mahnte er zur Vernunft: "Es geht nicht um die Schwarzen. Es geht um unser Land."

Der Rapper Samy Deluxe spricht in der deutschen Fassung Texte von Baldwin, sie stammen zumeist aus den Notizen seines unvollendeten Werks über die Bürgerrechtler Martin Luther King, Malcolm X und Medgar Evers. Baldwin war mit ihnen befreundet, auch wenn er ihre Positionen nicht vollends teilte, und alle drei wurden in den 60er Jahren ermordet. In historischen Aufnahmen sieht man Baldwin in Talkshows reden, an Universitäten sprechen. Es ist faszinierend, ihm zuzusehen, so charmant und bestimmt agiert er, so elegant und klar argumentiert er. Baldwin war ein intellektueller Aktivist. Einmal sagt er, der so fürs Kino schwärmte, wie ihm als Kind beim Schauen eines Westerns eine Erkenntnis kam: "Während ich Gary Cooper beim Töten von Indianern zusah, merkte ich, dass ich selbst der Indianer bin."

1948 war der Mann aus Harlem fortgegangen, weil er nicht länger angegriffen werden wollte wegen seiner Hautfarbe und Homosexualität. Außerdem wollte er als US-Schriftsteller wahrgenommen werden, nicht als schwarzer Autor. Nach seiner Heimkehr schrieb er stilistisch brillante Essays, die derzeit in den USA wiederentdeckt werden. Denn auch das zeigt der Film: Trotz acht Jahren mit einem schwarzen Präsidenten hat sich wenig geändert am Konzept der "White Supremacy": Einmal liegen Baldwins Texte über Bildern der Rassenunruhen von 2014. Da wird der Autor plötzlich zum Zeitgenossen.

Baldwin starb 1987. Die "Black Lives Matter"-Bewegung, die sich gegen Rassismus engagiert, beruft sich auf ihn. Junge Intellektuelle wie Teju Cole und Ta-Nehisi Coates verehren ihn als Vorbild. Baldwins Texte bleiben dringlich. Leider.

(hols)
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