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Hungersteine in Rhein, Elbe, Weser erinnern an Niedrigstände von Flüssen

Niedrigwasser gibt Hungersteine frei : Das Gedächtnis der Flüsse

Das Niedrigwasser in Rhein, Mosel oder Elbe gibt immer wieder sogenannte Hungersteine frei – Gesteinsbrocken, die mit ihren jahrhundertealten Texten an die Not vergangener Zeiten erinnern. Was es damit auf sich hat.

Hungersteine – dieser bedrohlich klingende Begriff taucht im wahren Sinne des Wortes in unregelmäßigen Abständen in unserem Sprachgebrauch auf. Immer dann, wenn in den großen Flüssen der Wasserpegel infolge anhaltender Dürre drastisch sinkt, werden sie sichtbar, wie gerade jetzt: Große Steine, auf denen Jahreszahlen eingemeißelt sind, viele davon Jahrhunderte alt, dazu hin und wieder eine düstere Mahnung: „Wenn du mich siehst, dann weine“. Viele dieser Hungersteine, die von drohenden Missernten künden, finden sich an der Elbe, manche am Rhein, einige an Mosel und Weser.

Es ist, als gäbe ein Strom seine Erinnerungen an bittere Zeiten preis. Dürrephasen hat es immer wieder gegeben, nur waren die Folgen in der Vergangenheit weitaus dramatischer. Wenn der Regen ausblieb, war die Bevölkerung weitgehend schutzlos lebensbedrohlichen Entbehrungen ausgeliefert. Auf den Felden verdorrte das Korn, auf den Wiesen hatte das Vieh sehr bald nichts mehr zu fressen, der Warenstrom per Schiff kam zum Erliegen – kurzum: Die Not war groß.

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Die Menschen setzten solchen Katastrophen ein Denkmal, indem sie für nachfolgende Generationen Steine markierten, die aus dem versiegenden Wasser ragten – Achtung, was Euch gerade widerfährt, ist auch uns geschehen, könnte die Botschaft lauten. Möglicherweise dienten sie auch als Warnung für die Binnenschiffer. Insofern waren Hungersteine gewissermaßen ein frühes hydrologisches Messsystem, das andere Extrem zu den Höchstständen bei Überflutungen, die an manchen mittelalterlichen Gebäuden vermerkt wurden und noch heute zu sehen sind.

Die älteste Inschrift steht auf einem Hungerstein der Elbe nahe der tschechischen Stadt Decin: Die oft kopierte Prophezeiung, man werde Tränen beim Lesen vergießen, datiert von 1417. Allerdings ist sie derzeit nicht zu sehen, da der Fluss an dieser Stelle noch genügend Wasser führt. 2018 war der Stein zuletzt gesichtet worden. Schon seit einem Monat ragt hingegen der Hungerfelsen bei Remagen-Kripp aus dem Rhein, andere finden sich bei Worms und bei Leverkusen an der Wuppermündung, wo die Jahreszahlen 1959 und 2003 eingeritzt sind. Dagegen ist die Wasserknappheit des Jahres 1540, in dem es neun Monate nicht regnete, nirgendwo vermerkt, obwohl sie rund eine Million Menschen das Leben kostete.

Einer der Hungersteine jüngeren Datums, die unlängst wieder zum Vorschein gekommen sind, liegt auf dem Grund der Elbe bei Bleckede in Niedersachsen. Seine Inschrift indes klingt erfrischend positiv: „Geht dieser Stein unter, wird das Leben wieder bunter.“ Hoffen wir, dass es bald soweit ist.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Elbe, Rhein, Weser – Niedrige Flusspegel legen Hungersteine frei