1. Kultur

Hochwasser in NRW: Wie Kirchen in den rheinischen Hochwassergebieten den Menschen helfen

Kirchen helfen Flutopfern : Zum Trost läuten die Glocken

In zwei Schichten sind die Notfallseelsorger beider christlicher Kirchen in den Hochwassergebieten im Einsatz. Sie hören den Betroffenen zu, zeigen Anteilnahme. Am Freitag um 18 Uhr läuten die Kirchenglocken zum Gedenken an die Opfer der Flutkatastrophe.

Die Kirche ist in diesen Tagen bei den Opfern der Flut. Wo auch sonst? Not macht zwar selten gläubig, aber Gläubige wissen, wie Not gelindert wird, wenn man sie teilt. Wie Dirk Holthaus. Der 61-Jährige ist Pfarrer der Düsseldorfer Neanderkirchen-Gemeinde mitten in der Altstadt. Doch als ausgebildeter Notfallseelsorger war in den vergangenen Tagen sein Einsatzort 80 Kilometer südlich: in Erftstadt, einer der von den Wassermassen so stark betroffenen Gemeinden.

Auch wenn seine Hilfe nicht unmittelbar vor Ort gebraucht wurde, dort also, wo die Feuerwehr um die Gesundheit und manchmal auch um das Leben der Menschen kämpfte, so war er doch im Zentrum der Not. Bei den Menschen in den Evakuierungsunterkünften, die erst einmal das sehr nötig hatten: jemandem, der ihnen zuhört, der Mitgefühl zeigt, der mit ihnen leidet. Das hört sich vielleicht nach nicht allzu viel an – vor allem angesichts der katastrophalen Schäden, die das Wasser anrichtete. Doch in diesem Augenblick war es für die Betroffenen erst einmal ein Halt. „Viele, die kamen, mussten sich erst einmal sortieren und waren praktisch handlungsunfähig.“ Die Angst habe vielen Menschen spürbar in den Gliedern gesteckt. Dazu gehörten auch die Pflegekräfte eines Seniorenheims, die selbst oft alles verloren hatten und die sich nun um die alten Menschen kümmerten. Schlimmes haben sie erleben müssen, sie berichteten von Rollstühlen, die im Wasser festsaßen.

  • Nach Hochwasser-Katastrophe : Städte und Kreise in NRW bereiten sich auf Starkregen vor
  • Fotos : Extreme Überflutungen, Hitzewelle, Unwetter - Wetterextreme in NRW 2021
  • Fotos : Aufräumarbeiten nach der Flut-Katastrophe in NRW

Als Zeichen der Solidarität und im Gedenken an die Opfer der Flutkatastrophe sollten am Freitagabend um 18 Uhr bundesweit in vielen Kirchen die Glocken läuten. Die evangelischen Landeskirchen haben gemeinsam mit katholischen Bistümern zum Geläut mit anschließender Andacht aufgerufen.

Über 1200 Notfallseelsorger aus beiden christlichen Kirchen gibt es in Nordrhein-Westfalen. Erkennbar sind sie mit ihren lilafarbenen Westen als Seelsorger, nicht aber, welcher Konfession sie angehören. Das spielt ohnehin keine Rolle. Es ist einfach nur wichtig, dass sie da sind.

Und das beherzigen auch die führenden Geistlichen des Landes. Der Präses und die Bischöfe sind unterwegs, schreiben Offene Briefe wie Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck oder auch Bischof Helmut Dieser aus Aachen: „Von Herzen spreche ich allen meine tief empfundene Anteilnahme aus! Das Leid, das viele getroffen hat, die Bilder von Verwüstung und Tod, die wir nun dauernd vor Augen haben, die Sprachlosigkeit, das Weinen, die immer neuen Nachrichten, was Schreckliches wem hier und da konkret zugestoßen ist, all das wühlt alle auf, und ich nehme daran aus enger Verbundenheit tiefen Anteil.“

Der Kölner Erzbischof, Rainer Maria Kardinal Woelki, hat seinen Urlaub abgebrochen und betroffene Gebiete besucht. Viele Menschen hätten vor ihm mit Tränen in den Augen gestanden, berichtete er später. Was aber Mut mache, sei „eine neue Form der Menschlichkeit und der Mitmenschlichkeit“. Bewusst reiste er nicht in die am stärksten verwüsteten Regionen, um dort bei den Rettungsarbeiten nicht im Wege zu stehen; auch verzichtete er auf öffentliche Wahrnehmung. So wurde erst später darüber informiert, dass Woelki in der Düsseldorfer Gemeinde Maria vom Frieden bei der Verteilung von Würstchen und Getränken geholfen, zwei Messen in Erftstadt gehalten und kirchliche Hilfsangebote in Leverkusen besucht habe. 100.000 Euro Soforthilfe stellt das Erzbistum zur Verfügung.

Manchmal helfen auch Zeichen der Verbundenheit mit den Flutopfern im Rheinland, wie das Glockenläuten in den Kirchen der evangelischen Landeskirchen wie auch der katholischen Bistümer am Freitagabend. Die Aktion hatte die Evangelische Kirche im Rheinland ins Leben gerufen. „Lassen Sie uns gemeinsam hörbar machen, dass wir uns gegenseitig unterstützen, füreinander beten und uns in der Nachfolge Christi gegen die zerstörerischen Mächte des Chaos stemmen“, erklärte dazu Präses Thorsten Latzel. Zusätzlich wird es in evangelischen Gottesdiensten am Sonntag eine Kollekte für die Flutopfer geben. Das Motto „Gemeinden helfen Gemeinden“.

Die Hilfe wird weitergehen, denn noch lange wird das Leid die Menschen begleiten. In der Erftstädter Einsatzzentrale koordiniert Diakon Gregor Hergarten die Einsätze der Notfallseelsorger. Zwei Teams mit jeweils zwanzig Seelsorgern in Früh- und Spätschicht. Die Zeit der Evakuierungsunterkünftige sei nun vorbei, sagt er. Jetzt beginne die Begleitung der Menschen, die an jene zerstörten Plätze zurückkehren, an denen sie früher lebten.

An ihrer Seite sind die Notfallseelsorger, die natürlich selbst nicht alles einfach wegstecken können, was sie in diesen Tagen sehen, was ihnen erzählt wird, was sie erleben. Auch für sie gibt es Gesprächsangebote, Möglichkeiten, das Schreckliche für sich verarbeiten zu können. Jede Katastrophe habe ihr eigenes Gesicht, ihre eigene Belastung, sagt Dirk Holthaus. Der Pfarrer ist zwei Jahrzehnten für die Notfallseelsorge im Einsatz. Und musste viel erleben. Der Absturz der Germanwings-Maschine gehörte dazu. Und die Loveparade-Katastrophe in Duisburg