1. Kultur

Düsseldorf: Himmel auf Erden

Düsseldorf : Himmel auf Erden

Der Countertenor Philippe Jaroussky sang barocke Sterbekantaten in der Düsseldorfer Tonhalle.

Ein Konzert mit deutscher Barockmusik und die erste Halbzeit lang nur Kantaten von Georg Philipp Telemann - das stellt sich auch der offenherzigste Musikfreund vor wie 45 Minuten zähes 0:0-Geschiebe zwischen Erzgebirge Aue und den Würzburger Kickers.

Aber wenn einer wie Philippe Jaroussky den Mund auftut, tönt Telemann plötzlich wie einer, der uns den Himmel auf Erden bereitet und den Tod mit Musik zum Freund macht. So geschieht es vor der Pause in Jarousskys Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle. Zwei geistliche Kantaten ("Der am Ölberg zagende Jesus" und "Jesus liegt in letzten Zügen") lassen vorderhand eine ziemlich depressive Stimmung befürchten, mit Friedhofsstimmung, Tränenfluten und erheblicher Betrübnis. Doch erstens weiß barocke Kantatenlyrik jeden Schmerz durch Mitgefühl zu ummanteln und sogar den Hingang als Freudenfest zu feiern. Wer das nicht glaubt, muss nur die Arie "Darauf freuet sich mein Geist" anhören, in der Koloraturen und Jubeltöne hageln, als sei das Grab die Vorstufe zum Paradies.

  • Anfang November fand der Wochenmarkt in
    Konzert in St. Peter : Live-Musik jeden Donnerstag zur Marktzeit in Rosellen
  • In Düsseldorf werden vier Filialen der
    Finanzen in Düsseldorf : Deutsche Bank schließt vier Filialen in Düsseldorf
  • Carlotta Malquori tritt im Zakk auf.
    Workshops und Konzerte : Am Samstag ist „Düsseldorf Pop Day“

Und zweitens singt diese Musik der zurzeit weltweit führende Countertenor Philippe Jaroussky. Der Franzose führt uns zwar in Jammertäler, lässt aber die Strahlen der Sonne hineinscheinen. Diese Strahlen bündelt er in seiner Stimme. Sie klingt auf bezaubernde Weise hell und dunkel zugleich, ihr Anteil an Quecksilber scheint hoch, doch bereits im nächsten Takt reinigt sie sich von allen chemischen Zusätzen und erreicht eine Purheit, die einen den Atem anhalten lässt. Jarousskys gewaltiger Ausdruck besteht darin, dass er seine unerhörte Ausdrucksmöglichkeit fortwährend nur andeutet und selten ausreizt. Das verschafft sogar diesen Telemann-Kantaten, die nicht der Gipfel der Musikgeschichte sind, einen famosen changierenden Reiz. Jaroussky führt uns in Trauerwelten ein, ist aber nicht unstatthaft von ihnen ergriffen. Er gebietet über sie, und nur in wenigen Momenten wandelt er sich vom Erzähler zum Beter. Über allem herrscht die Kühle der Kunst - und Kunst heult nicht. Zudem ist auf der rein diagnostischen Skala zu Jarousskys Stimme zu sagen, dass sie verschwenderisch über alle Möglichkeiten der Färbung verfügt, sie aber ebenfalls diskret aufscheinen lässt. Er singt - und posaunt nicht.

Trotzdem ist es ein gewaltiger Sprung, wenn die zweite Hälfte des Konzerts von Telemann zu Johann Sebastian Bach übersiedelt. Das ist jetzt eine ungleich dichtere, komplexere Welt, obwohl Jaroussky sich zuvor alle Mühe gab, Telemann als Großmeister erscheinen zu lassen. Aber dass Bachs Kantate "Ich habe genug" und dort namentlich die unfassbare Arie "Schlummert ein, ihr matten Augen" einen intelligenten Sänger wie Jaroussky beflügelt, auch die Stimme in Grenzbereiche zu führen, versteht sich beinahe von selbst. Diese Grenzbereiche säumt ein wundervoll schwebendes Piano, das fast nicht mehr von dieser Welt ist. Ihren Kern verliert seine Stimme dabei keine Sekunde, sie fließt nicht unter der Tür in den Hades, der Sänger steigt vielmehr in der Rüstung seiner Stimme an Jesu Seite. In den weltverlorenen Momenten dieser Arie, die einen zu Herzen gehenden Trost spendet, beschließt mancher im Saal, das Musikprogramm seiner eigenen Beerdigung um genau diese Bach-Arie zu bereichern.

Das alles gerät so erhebend, weil im Freiburger Barockorchester mit Konzertmeisterin Petra Müllejans ein lauschendes und atmendes Ensemble mitspielt. Es gibt Jarousskys Legato einen edlen Rahmen, es wärmt die Stimme und lässt sie glänzen, mit ergötzenden eigenen Solo-Momenten. Diesen Abend und diese Stimme werden wir noch ein Weilchen mit uns herumtragen; Schöneres lässt sich über Musik nicht sagen. Der Saal schwankt zwischen Ergriffenheit und Faszination und entscheidet sich am Ende, beides in gigantischen Beifall münden zu lassen.

(w.g.)