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Heinz Mack: Das Paradies auf Erden

Heinz Mack: Das Paradies auf Erden

Interview Kurz vor seinem 80. Geburtstag am 8. März ist der Künstler Heinz Mack kreativ wie eh und je. Vor wenigen Tagen hat er sein größtes Bild fertiggestellt, den sechs mal drei Meter großen "Garten Eden".

Mönchengladbach Nur auf Ibiza fühlt er sich frei. Dort ist perfektes Licht, die Natur und vollkommene Stille. Und doch lebt er meist in Mönchengladbach auf dem Huppertzhof – in einem Denkmal zur Miete mit lebenslangem Wohnrecht. Seine Frau Ute, Tochter Valeria und Haushund Zora könnten es schöner nicht haben: ein Leben inmitten von Natur und Kunst. Kleine und große Werke hängen an den Wänden, draußen vor der Tür sind Stelen, Skulpturen und Objekte aufgestellt – ein steinerner Kunstwald ist es. Aus seinem gläsernen Atelier heraus flutet die Farbe der Bilder bei Sonnenlicht durch die Scheiben. Mack zeigt dies alles gerne seinen Besuchern, spurtet wie ein jugendlicher Mann durch den Kies, um einen Katalog aus der Werkstatt zu holen. Er ist offensichtlich in guter Form, sein weizenblond-graues Haar trägt er wie eh und je hinterm linken Ohr gescheitelt und über den Oberkopf nach vorne gekämmt.

Heinz Mack ist vaterlos aufgewachsen, in ärmlichen Verhältnissen. Mit der Leica seines Onkels begab er sich erstmals auf künstlerische Wege. Das einzige Klavier in seinem Dorf stand bei ihm zu Hause. Die Musik, der Rhythmus und der Klang, waren prägend für seinen Aufbruch in die Kunst.

Kurz vor seinem 80. Geburtstag umwölkt Unruhe das friedliche Anwesen. Seine Ausstellung in Bahrain wurde wegen der politischen Lage abgesagt – eine große Enttäuschung für ihn. Besucher geben sich die Klinke in die Hand, Bilder werden abgeholt und wieder angeliefert. In dieser Unruhe hat sich Mack ans Malen begeben, aus Trotz. Eine riesengroße Farbgouache, 6 mal 3,60 Meter, erhielt vergangenen Sonntag ihren letzten Pinselstrich und die Signatur 2011; "Garten Eden" hat er das Bild genannt, es ist ein Fluchtpunkt im Leben.

Wie ist Ihnen zumute in diesen Tagen?

Mack Ich bin im Vollbesitz meiner Kräfte, die benötigt werden, um die vielen Ausstellungen und Publikationen vorzubereiten. Ich will authentisch sein, wenn ich sage, was ich mache, warum ich es mache und für wen ich es mache.

Sie bezeichnen sich als Einzelgänger und Außenseiter – warum?

Mack Es gibt in Deutschland eine Kunstszene, die von ganz wenigen Personen angeführt wird, von Kuratoren, Museumsdirektoren, Händlern und Sammlern. Sie haben eine gemeinsame Meinung, und ihre Regie liegt manchmal im Dunkeln.

Wie meinen Sie das?

Mack Sie beurteilen maßgeblich, welche Künstler es verdient haben, gefördert oder beachtet zu werden, und welche nicht in die erste Liga gehören. Zu diesem Zirkel habe ich kein Verhältnis, und diese Personen haben kein Verhältnis zu mir. In diesem Sinne bin ich Außenseiter.

Und warum Einzelgänger?

Mack Der Künstler muss seinen Weg selbst suchen. Das geht nur dann, wenn man bereit ist, sein Leben zu investieren. Das ist mehr als ein Tagewerk, es geht um Sein oder Nichtsein, denn in der Kunst gibt es keine Kompromisse und keine Rückwege.

Welches Urteil schmeichelt Ihnen?

Mack Wenn man mein Werk respektiert, es als Ausdruck und Manifestation einer Lebensenergie würdigt. Noch wichtiger, wenn einer sagt, dass das, was man macht, über den Tod hinaus Bedeutung haben wird – auch für die Kunstgeschichte.

Ist das so schwer?

Mack Man muss heute doch erst in New York oder anderen Metropolen Siege erringen, um in Deutschland entsprechende Ehre zu bekommen.

Wie beobachten Sie die Marktpreise?

Mack In letzter Zeit habe ich mich dabei ertappt, dass ich darauf geachtet habe, weil ich mit Erstaunen realisieren muss, dass Arbeiten von Künstlerfreunden, die mir sehr nahe waren wie Yves Klein, Manzoni, Fontana – jetzt auch Uecker –, auf internationalen Auktionen in Preisregionen von zweistelliger Millionenhöhe vorgestoßen sind.

Und Ihr Höchstpreis?

Mack Über mich hat kürzlich eine Zeitung geschrieben, Mack ist ein Nachzügler, weil er in Miami ein Bild für 350 000 Dollar verkauft hat. Das war das teuerste. Man muss die Preise relativieren. Die Hälfte landet beim Finanzamt. Was dann übrig bleibt, landet zur Hälfte beim Kunsthandel – so kommt man schnell auf zivile Zahlen, die, bezogen auf das Mittel, in einer Lebenszeit sehr weit unten stehen.

Wie erklären Sie der Jugend, was Zero heute noch bedeuten kann?

Mack Vor Zero, 1957, war ich verzweifelt, dass ich keinen Weg mehr sah, aus den Zwängen, die sich in meiner Kunstwelt ergaben, herauszufinden. Da kam die Frage auf: Wie kannst du diese Welt der Kunst noch bereichern oder erweitern? Damals gab es diese kardinalen Entdeckungen, ob das nun Fontanas Schlitz in der Leinwand war oder das Blau von Yves Klein oder die "grande merde" in der Dose von Manzoni. Es herrschte große Verzweiflung, wir Künstler waren sehr arm. Ich wollte nicht auch "la grande merde" in der Dose fabrizieren. Alles ist aus – das war meine Grundstimmung.

Was haben Sie damals gemacht?

Mack Ich habe eine Reihe von Bildern ganz schwarz gemalt, ich hatte keine Lust mehr, alles, was ich sah, fand ich schrecklich. Ich wollte einen Anfang finden, der eine Axiomatik hatte, eine Entdeckung machen. Sie musste ganz elementar beginnen ohne ein Korsett in einem fast luftleeren Raum.

Welche Rolle spielten die Kollegen?

Mack Otto Piene und Günther Uecker waren von großer Bedeutung. Piene hatte ein quadratisches Bild gemalt, das vollkommen weiß war. In die Mitte hatte er einen kleinen weißen Punkt gesetzt. Das hat mich unglaublich beschäftigt. Ich stellte mir die Frage, wie es weitergeht, wenn man den Punkt wegnimmt. Ich habe mich als Maler betätigt, einen Strich gemalt, einen zweiten Strich daneben und einen dritten Strich. Doch ich fragte mich: Was soll noch eine Leinwand, die man über das Sofa hängt? So entschied ich, Bildhauer zu werden.

Sie sind ein Künstler, der sich weltweit verortet. Wo sind Sie zu Hause?

Mack Der Ort, wo ich hingehöre, ist da, wo ich in Ruhe meiner künstlerischen Arbeit nachgehen kann.

Sie geben freimütig Auskunft über Ihr Leben – wenn Sie zurückschauen: Würden Sie etwas anders machen?

Mack Da würde ich mit Frank Sinatra sagen: I don't regret. Und doch gibt es Dinge, die ich versäumt habe. Ich hätte mehr Zeit finden müssen, um Menschen näher zu kommen, das fängt mit meinen zwei erwachsenen Mädchen an, die, durch Scheidung bedingt, aus meinem Blickfeld geraten sind. Andererseits freue ich mich sehr, als Älterer noch eine wunderbare Tochter zu haben und eine junge Frau. Ich kann mir nicht vorstellen, eine acht Jahre ältere Frau zu haben, das passt nicht in meinen Lebensrhythmus.

Setzt jetzt schon Alters-Wehmut ein?

Mack Das Leben hat seine eigene Dynamik. Vor kurzem las ich einen Brief von Goethe, in dem er – damals in meinem Alter – an einen Minister schreibt. Er teilt ihm mit, wie schade es sei, dass sie sich so selten gesehen und miteinander korrespondiert hätten. Jetzt erst wird mir bewusst, dass ich etwas verloren habe, schreibt Goethe, indem ich es versäumt habe, mich Ihnen zu nähern. Das hat mich sehr berührt.

Ihr frischestes Bild ist der "Garten Eden". Worauf nehmen Sie Bezug?

Mack Es ist nicht religiös gedacht, es entspringt auch keiner biblischen Idee. Dahinter steckt ein waches Bewusstsein, dass das Paradies, wenn es denn existiert, nur auf dieser Erde existiert.

Die Farbigkeit dieses Bildes ist enorm, die Ausmaße sind so groß wie nie.

Mack Ja, das ist ein Bild gegen den religiösen Illusionismus, dass nach dem Tod ein Garten Eden auf uns wartet. Ich glaube nur an Paradiese, die man sehen kann.

(RP)