Heinz Bennent ist tot – stiller Star auf großen Bühnen

Heinz Bennent ist tot – stiller Star auf großen Bühnen

Lausanne Nun ist auch der gestorben, der das Charakterfach nach Gründgens, Minetti und Quadflieg als einer der Allerletzten hochhielt und dabei oft wie nicht von dieser Welt mehr schien. Doch Heinz Bennent hatte sich zu keiner Zeit der Welt freiwillig angepasst. Er lebte seine eigenen Ideen. Er war ein Ausscherer. Mitten in einer "King Lear"-Aufführung vollzog er einst zur Überraschung des Ensembles einen närrischen Kopfstand. Seine Texte vertiefte er gern barfuß und laut deklamierend in der freien Natur. Als jüngerer Mann posierte der bekennende Nudist 1978 sogar einmal im Adamskostüm für die Illustrierte "Quick" – nur eine Teetasse verdeckte die Blöße. Zuletzt hat man ihn fast schon vergessen, da reiste er als Lesender mit Hölderlins "Hyperion" durch die Lande.

Seinen 90. Geburtstag hat der Schauspieler im Sommer in der Schweizer Wahlheimat gefeiert, doch das, was ihm heilig war, die Bühne, hatte er schon längere Zeit nicht mehr betreten können. Im Kreise seiner Familie, der schauspielernden Kinder Anne und David und Ehefrau Paulette, sei er gestern Morgen sanft entschlafen, hieß es in einer Mitteilung des Berliner Renaissance-Theaters.

Vor allem mit der "Blechtrommel" wird der am 18. Juli 1921 in Stolberg bei Aachen geborene vielseitige Mime heute in Verbindung gebracht; dabei hatte Sohn David in der oscarprämierten Günter-Grass-Verfilmung von Volker Schlöndorff als kleinwüchsiger nervender Trommler seine unvergessenen Auftritte. Vater Heinz spielte die kleinere Rolle – einen seltsam schwulen Gemüsehändler.

Interessant waren mehrere seiner Filmrollen, die ihm international großes Ansehen einbrachten – etwa in François Truffauts Okkupationsdrama "Die letzte Metro" oder Ingmar Bergmans "Das Schlangenei". Meist als Zwielichtgestalt tauchte Heinz Bennent auch in deutschen Fernsehkrimis auf, von "Derrick" bis "Tatort" – doch in diesem Genre bracht er es nicht zum Star.

Der Bühne gehörte sein Herz, dort war er ein Virtuose, den die kalte Aura exzentrischer Intelligenz umgab. "Nur dort habe ich alles in der Hand", sagte er einmal. Bennent gab sein Debüt 1947 in Karlsruhe, bald nach dem Krieg, aus dem er unverletzt zurückgekehrt war; aus der Hitlerjugend war er entfernt worden wegen mangelnden Gehorsams. Im Laufe seiner Karriere war er an großen Bühnen engagiert. Glänzende Auftritte gab es in mehr als 150 Stücken und Filmen. Seine Rollen, das waren bevorzugt die der Sonderlinge, Außenseiter, Randexistenzen, düsteren Gestalten. Schillers Prinzen, Shakespeares Narren und Becketts Clowns hauchte er Leben ein. Da schlichen sich indas strenge Gesicht Gegenwärtigkeit, Beherrschtheit und der tief gründelnde, wandelbare Blick – unverwechselbaren Charakter schenkte er aus wie andere Wein.

Doch zu keiner Zeit tat er es im festen Engagement. Die Freiheit war ihm heilig, der Theaterbetrieb bedeutete ihm nicht viel. Im Gegenteil: Bennent hielt das Subventionstheater grundsätzlich für eine Stätte des Mittelmaßes. Oft sei er nach der Premiere weinend nach Hause gelaufen, berichten Kollegen, weil ihn gar Selbstzweifel beschlichen. Zum Applaus kam er immer erst im allerletzten Moment und nur sehr zögerlich auf die Bühne. Er verneigte sich dann nur einmal.

Bennent, der sechstes Kind eines Buchhalters war, verwirklichte mit seiner eigenen Familie unorthodoxe Lebensformen: Zu sechst vagabundierte man zwischen Paris, Lausanne, München und Mykonos, unterrichtet wurden die Kinder durch die Eltern. Manchmal besuchte er seine alte Heimat Aachen, um die Schwester zu sehen. Unerkannt blieb er dabei. Sein Gesicht wandelte sich mit dem Schritt auf die Bühne erst zu einer Marke.

Es ist eine Frage der Zeit, dass das Charakterfach ausstirbt. So einen wie Heinz Bennent wird man jedenfalls vermissen.

(RP)
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