Autorin Joanna Bator im Heine Haus Starke Frauen auf der Suche nach dem großen Glück

Düsseldorf · Hundert Jahre und vier Generationen umspannt Joanna Bators neuer Roman „Bitternis“, den die polnische Autorin im Heine Haus vorstellte. Über 800 Seiten geballte Erzählkraft mit starken Protagonistinnen im Mittelpunkt. Das Publikum war begeistert.

Entspanntes Duo im Heine Haus: Joanna Bator mit Moderator Bernhard Hartmann.

Entspanntes Duo im Heine Haus: Joanna Bator mit Moderator Bernhard Hartmann.

Foto: Anne Orthen (orth)

Der Saal im Heine Haus an der Bolkerstraße war bis auf den letzten Platz besetzt. Die Literaturbuchhandlung Müller & Böhm hatte in Kooperation mit dem Polnischen Institut die Bestsellerautorin Joanna Bator eingeladen, ihr neues Buch „Bitternis“ vorzustellen. Im Gespräch mit Übersetzer Bernhard Hartmann gab Joanna Bator Einblicke in ihre Schreibwerkstatt. Der erste Satz zum Debütroman „Sandberg“ etwa sei ihr in Japan eingefallen. „Ich saß am Schreibtisch und hätte eigentlich an meiner Habilitation arbeiten sollen“, verriet die Hochschuldozentin. „Da ist mir auch klar geworden, dass ich eine neue Sprache finden musste und dass ich zukünftig Romane schreiben wollte.“
Es sollten Geschichten werden, über ihre Heimatstadt Walbrzych und die Menschen, die dort leben. In ihren Büchern stellt Bator Frauen in den Mittelpunkt. In „Bitternis“ sind es vier Protagonistinnen, deren Familiengeschichte die Autorin nach und nach aufblättert.

Rudolf Müller las Auszüge aus Bators aktuellem Roman, mit dem diese ihre Leserschaft gleich von der ersten Seite an in ihren Bann zieht. Ein über 800 Seiten dicker Schmöker, der tief eintaucht in die zum Teil dunklen Lebenswelten einer vier Generationen umspannenden Frauendynastie im niederschlesischen Walbrzych. Bator erzählt von „ungewollten Bäuchen“, vom Sitzengelassenwerden, nichtsnutzigen Männern, Tod im Wochenbett, von Zorn und Armut. Ihre Protagonistinnen träumen davon, endlich aus diesem Kreislauf auszubrechen.

Ich-Erzählerin Kalina ist die jüngste in der Familie. Sie wird die erste sein, die das über Generationen anhaltende Trauma durchbrechen kann. Ihre Reise in die Vergangenheit beginnt in einer alten leerstehenden Villa im schlesischen Örtchen Langwaltersdorf, die früher einmal eine Pension mit dem vielversprechenden Namen „Glück“ war. Dort traf ihre Urgroßmutter Berta in den 1930er Jahren ihren heimlichen Geliebten. Sie träumte davon, mit ihm ein neues Leben zu beginnen und so vor dem gewalttätigen Vater fliehen zu können. Doch die Beziehung war alles andere als glücklich, und Berta starb viel zu früh bei der Geburt ihres ersten Kindes. Ihrer Tochter Barbara wird es später nicht besser ergehen. Und auch Kalinas Mutter Violetta hat ihr ganz persönliches Päckchen zu tragen.

Joanna Bator verwebt ihren dicht erzählten Familienroman mit den geschichtlichen Ereignissen Schlesiens der letzten hundert Jahre und malt so das mitreißend epische Portrait einer von patriarchalen Strukturen durchzogenen Gesellschaft, in der auf sich allein gestellte Frauen ihren Platz hart erkämpfen müssen. Ihre kraftvolle Erzählweise erinnert an Isabel Allende oder Gabriel Garcia Márquez.

Dabei geht die polnische Schriftstellerin keineswegs chronologisch vor. Das Gesamtbild ihrer Familiensaga entsteht durch einzelne Puzzleteile, die sie geschickt ineinander verzahnt. So komplex die Handlung mit ihren Zeitsprüngen ist, Bator hält doch immer den roten Erzählfaden in der Hand, indem sie wiederkehrende Motive verwendet oder Redewendungen einstreut, die an anderer Stelle schon ein Anker waren.

Joanna Bator gilt neben Olga Tokarczuk als wichtigste Stimme unter den schlesischen Autorinnen und seit ihrem viel beachteten Debüt „Sandberg“ als aufsteigender Stern der europäischen Literaturszene. Am 2. Februar ist die im polnischen Walbryzch geborene Publizistin 56 Jahre alt geworden. Sie studierte Kulturwissenschaften und Philosophie in Breslau und Soziologie in Warschau. Dort gab die promovierte Wissenschaftlerin zwischen 1996 und 1998 Seminare zu genderspezfischen Fragestellungen. Ihre feministischen Forschungen führten Joanna Bator unter anderem nach Bremen, Budapest und London.

Ihr Interesse weitete sich 2001 auf Genderfragen in der japanischen Gesellschaft aus. Sie erhielt ein Stipendium für ihre Studien vor Ort, und in Japan traf sie dann die Entscheidung, von der Bator zu Beginn des Abends erzählte. Nachdem sie rund zehn Jahre lang vor allem mit Artikeln und Essays in verschiedenen Zeitschriften in Erscheinung getreten war, erschien 2011 ihr erster Roman „Sandberg“ auf Deutsch und führte sie ein Jahr später auf einer Lesereise auch nach Düsseldorf. Der Titel bezieht sich auf einen Wohnblock in ihrer vom Bergbau geprägten Geburtsstadt Walbrzych. Nach dem erfolgreichen Start in den Literaturbetrieb entschied Bator, sich voll und ganz auf ihre schriftstellerische Arbeit zu konzentrieren. In „Wolkenfern“, der Fortsetzung von „Sandberg“ verließ Joanna Bator das vertraute Terrain ihrer Heimat und verlegte einen Großteil der Handlung in die USA, nach London, Griechenland und Japan. Die Verbindung zu Polen blieb aber immer lebendig, durch den Kontakt der Hauptfigur zu ihrer Mutter.

Ihr dritter Roman „Dunkel, fast Nacht“, wurde 2019 von Boris Lankosz für das Kino adaptiert. 2022 erhielt die vielfach ausgezeichnete Autorin den Samuel-Bogumil-Linde-Preis, den Hermann-Hesse-Preis sowie den Eichendorff-Literaturpreis.

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