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Die neuen Ausstellungen in der Hauptstadt Heilende Kunst in Berlin

Berlin · Ein Besuch in der Hauptstadt lohnt sich immer – auch wegen der zahlreichen Museen. Ein Rundgang durch die großen aktuellen Ausstellungen der Hauptstadt.

Eine Bronze-Arbeit von Cameron Clayborn: „These tools are not for you, they are for us (Detail)“ aus dem Jahr 2022.

Eine Bronze-Arbeit von Cameron Clayborn: „These tools are not for you, they are for us (Detail)“ aus dem Jahr 2022.

Foto: Hamburger Bahnhof

„Yoyi“ nennen die Mitglieder des indigenen Volkes der Tiwi im Norden von Australien ihre zeremoniellen Zusammenkünfte. Es wird getanzt und gesungen, gefeiert und getrauert. Die Wunden der Vergangenheit werden geheilt, die Narben der Gegenwart behandelt. „Yoyi“ heißt jetzt auch eine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau, bei der sich alles um Fürsorge, Reparatur und Heilung dreht, um eine kritische Sicht auf gesellschaftliche Missstände, einen kreativen Aufruf zur Veränderung menschlicher Lebensweisen.

Über zwei Dutzend international agierende Künstlerinnen und Künstler bringen sich mit ihren Meinungen und Materialien ein. Klimakatastrophe und Krieg, Pandemie und Populismus: Das Themenspektrum ist gewaltig und so unterschiedlich wie die künstlerischen Ausdrucksformen. Malerei und Performance, Installation und Videos. Kader Attia zeigt in seiner Installation „On Silence“ Prothesen und Gliedmaßen, deren Narben und Nähte sichtbar sind: Ist Reparatur und Heilung von kolonialer und imperialistischer Gewalt möglich? Auf den idyllischen Fotos von Andrea Büttner sieht man überwucherte Pflanzenbeete und Kräutergärten. Sie wurden einst im Konzentrationslager Dachau angelegt, dienten den Nazis als Forschungsstätte für biologisch-dynamische Landwirtschaft. Zwangsarbeiter wurden eingesetzt und im Namen ökologischer Experimente misshandelt. Darf die Fürsorge für die Natur mit Brutalität erkauft werden? Solche quälenden Fragen werden in der sehenswerten, manchmal schockierenden Ausstellung aufgeworfen. 

Mag der Titel der Schau, „Nothing Left To Be“ ins Ungefähre weisen, doch es geht in den Werken des US-amerikanischen Künstlers Cameron Clayborn auch um Heilung, Reparatur und Fürsorge, die Verletzlichkeit der Dinge. Im Hamburger Bahnhof, dem Museum für Gegenwartskunst, präsentiert Cameron in seiner ersten Einzelausstellung in Europa eine Vielzahl von Skulpturen, Zeichnungen und Videos. „Homegrown 1 & 2“ sind zwei sich nach unten verjüngende archaisch, rituell anmutende Skulpturen, seltsame kleine Tentakel wachsen aus einer unförmigen, mittig aufgeschlitzten Material-Masse. Viele seiner mal äußerst fragilen, mal derb zusammengeflickten Figuren scheinen mit dem Boden verwurzelt, hängen aber in Wahrheit wie Kokons an Fäden von der Decke. Es geht um Distanz und Nähe, Körperlichkeit und Abstraktion.

Kunst kann vieles, sie kann bewahren und zerstören, archivieren und erneuern. „Was wüssten wir heute vom Bauhaus ohne die Aufnahmen von Lucia Moholy?“, fragt Tobias Hoffmann, Direktor des Berliner Bröhan-Museums im Katalog zu einer Ausstellung, die das fotografische Werk einer Künstlerin feiert, deren Name ein wenig in Vergessenheit geraten ist, obwohl wir alle ihre Bilder kennen. Denn auf ihren Fotos hat sie überhaupt erst sichtbar gemacht, welche architektonischen und künstlerischen Visionen im Bauhaus erdacht und realisiert wurden. Ihre Fotos sind Zeitkapseln, die ins Heute wirken und davon erzählen, wie Walter Gropius seine Meisterhäuser in Dessau entworfen und gebaut hat. Im Archiv der 1989 mit 95 Jahren verstorbenen Lucia Maholy fanden sich wahre Foto-Schätze: Wassily Kandinsky mit seiner Frau Nin, Paul Klee bei der Arbeit in seinem Atelier, erste Aufnahmen der Gegenstände, die heute Ikonen der Moderne sind: Die Tischlampe von Wilhelm Wagenfeld, die Stahlrohrstühle von Marcel Breuer, das Teeservice von Marianne Brandt. Der Aufbruch in die Zukunft, fotografisch porträtiert und sachlich festgehalten von einer Ausnahme-Künstlerin: berührend und bewegend. 

Um Berührung und Bewegung geht es auch in einer opulenten Retrospektive in der Alten Nationalgalerie: Johann Gottfried Schadow (1764 bis 1850), der „Direktor aller Skulpturen“, prägte als Hofbildhauer mit seinem Werk das Erscheinungsbild Berlins. Magie und Mythos waren dem Berliner Schneidersohn fremd, dessen Kunstverständnis allerdings weniger der Romantik denn der Renaissance und der klassizistischen Strenge verpflichtet war. Seine Kunst, hartem Stein ein zartes Leben einzuhauchen, beruht nicht auf Zauberei, sondern einzig und allein auf der kreativen Symbiose aus Fantasie und Tradition.

„Berührende Formen“, so der Titel der Ausstellung, präsentiert bildhauerische, grafische und kunsttheoretische Hauptwerke von Schadow. Er schuf den erstaunlichen, 36 Meter langen, in Sandstein gehauenen Figurenfries für die Berliner Münze, die auf dem Brandenburger Tor triumphierende Quadriga und – sein vielleicht schönstes Werk – das Doppelstandbild der preußischen Prinzessinnen Luise und Friederike.

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