1. Kultur

Hegel-Jubiläum: Philosoph der Dialektik vor 250 Jahren geboren

Georg Wilhelm Friedrich Hegel : Der Weltgeist kennt kein Mitleid

Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel war ein Optimist und Verfechter des Fortschritts. Vor 250 Jahren wurde er geboren, und er verdient es, noch heute gehört zu werden.

Jede Zeit liest ihre Jubilare neu. Georg Friedrich Wilhelm Hegel, der vor 250 Jahren in Stuttgart geborene, 1831 in Berlin gestorbene große Philosoph des deutschen Idealismus, galt zumindest in linken Kreisen jahrzehntelang nur als Vorläufer von Karl Marx. Der hatte den alten Idealisten „vom Kopf auf die Füße“ gestellt und daraus seinen dialektischen Materialismus abgeleitet: die Überzeugung, dass sich die Welt allein aus ihrer materiellen Existenz erklären lasse, nicht als Verwirklichung einer göttlichen, absoluten Idee.

Inzwischen blickt die Welt wieder stärker auf Hegel selbst als auf diejenigen, die ihn vereinnahmten. Denn sein philosophisches Gedankengebäude ist zwar eine gewagte Konstruktion, doch es enthält überraschend viele Denkanstöße für die Gegenwart. Freiheit, Rechtsgleichheit und gesellschaftlicher Fortschritt waren die Ziele, denen Hegels viel zitierter „Weltgeist“ im Zickzackkurs nachjagt. Lange wurde dabei übersehen, wie stark seine Philosophie aus dem Christentum erwuchs und wie sehr es ihn in seinen frühen Jahren geformt hat. Er war in eine pietistische Beamtenfamilie hineingeboren, an der Universität Tübingen schrieb er sich in Evangelischer Theologie und Philosophie ein. Er bezog Quartier im Tübinger Stift und traf dort sogleich mit Geistesverwandten zusammen: mit Friedrich Hölderlin und dem erst 15-jährigen Friedrich Wilhelm Schelling. Religion, Philosophie und Kunst gingen in dieser Atmosphäre ineinander über. So verwundert es nicht, dass Hegels Lehre christliche Züge trägt, dass sein Weltgeist auf dem Weg zum Heil, zur besten aller Welten, von Gott beflügelt ist, und dass er sogar dem Staat gottgleichen Charakter zuschreibt.

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Hegel sah die Welt von einem Geist beherrscht, der sich großer, tatkräftiger Persönlichkeiten bedient, um die Geschichte in einem dialektischen Prozess voranzutreiben. Eine Kraft wirkt, eine andere stellt sich ihr entgegen, und auf einer höheren Ebene strebt der geschichtliche Prozess weiter seinem Ziel, einer Idealwelt, entgegen. Einmal spürte Hegel den Weltgeist, der die Geschicke der Menschheit lenkt, ganz in seiner Nähe. Hegel war gerade Professor in Jena geworden, als Napoleon mit seiner Armee vor den Mauern der Stadt stand. Der Philosoph hatte davon nichts Gutes zu erwarten, musste Plünderungen erdulden und war dennoch voller Hochachtung für den kleinen, großen Franzosen: „Es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier, auf einen Punkt konzentriert auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.“

Da der Weltgeist in Hegels Verständnis auf die „List der Vernunft“ setzt, indem er eigennützige Individuen für seine übergeordneten Ziele einspannt, gelangt der Philosoph zu dem gewagten Schluss: „Was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ Das war eine Rechtfertigung nicht nur des preußischen Staates, dem er später als Professor in Berlin diente, sondern auch der Welt insgesamt. Und jeder sah, dass diese Feststellung angesichts des Leids auf Erden nicht der Wirklichkeit entsprach. Allerdings wusste auch Hegel: „Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr.“ Und der Weltgeist kennt kein Mitleid.

Wer sich durch Hegels „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“ und andere Schriften arbeitet, wird überrascht sein, wie viele seiner Ideen sich auf unsere Gegenwart beziehen lassen. Er setzt sich ein für die Rechtsgleichheit aller Bürger. Recht müsse vor Gericht einklagbar sein – ein nach wie vor notwendiger Ruf in die Diktaturen überall auf dem Globus.

Ewiges Ziel des nimmermüden Weltgeistes ist Hegel zufolge die Freiheit – auch sie für die Bevölkerung der meisten Länder nur ein Wunsch, weit entfernt von erlebten Wirklichkeit. Und noch eine Hegelsche Einsicht, an die sich die Menschheit von Zeit zu Zeit erinnern sollte: Existenz ist immer auch Veränderung. Das könnte für die heutige Zeit etwa bedeuten: Klimawandel, neue, bedrohliche Viren und steigende Gewalt fordern uns ständig neue Ideen, neue Schritte zur Bewältigung ab. Der Weltgeist duldet keinen Stillstand.

Heute bedient er sich nicht mehr nur berühmter Persönlichkeiten vom Schlage eines Napoleons, sondern setzt, wie es den Anschein hat, zunehmend auf Bürgerinnen und Bürger, die in autoritären Staaten aufbegehren und einiges dafür riskieren, dass sie dereinst vielleicht in einer sozialen Demokratie leben können.

Hegel selbst war ein Anhänger der konstitutionellen Monarchie und nur in theoretischer Hinsicht ein Revolutionär. Bis er als „Professor der Professoren“ ein hoch angesehenes, preußisches Leben führte, hatte er beschwerliche Jahre hinter sich, in denen kein Platz war für politische Betätigung: als Hauslehrer, Direktor eines Gymnasiums, als Redakteur einer Zeitschrift und nicht zuletzt als einer, der einen unehelichen Sohn zu unterstützen hatte. In Berlin lebte er dann mit seiner 22 Jahre jüngeren Ehefrau und zwei gemeinsamen Söhnen unter der besonderen Gunst Wilhelms III. Ganz unerwartet starb er am 14. November 1831, wahrscheinlich an einem chronischen Magenleiden. Sein Weltgeist ist zum geflügelten Wort geworden.