1. Kultur

Harry Heine im rheinischen Konfetti-Regen

Literatur : Harry Heine im Konfetti-Regen

Das Geburtshaus des Dichters liegt an der Bolker Straße und damit mitten im karnvealitischen Getümmel.

Am Eingang zur Bolkerstraße hängt derzeit ein großes Banner: „Scherbenfrei und Jeck dabei“. Das ist kein Vers von Heinrich Heine, auch wenn der berühmteste Sohn der Stadt auf dieser Straße geboren wurde. Noch heute ruht sein Kopf auf den Steinen seines Geburtshauses mit der Nummer 53. Ein Besuch in der Literaturhandlung Müller & Böhm – auch Heine-Haus genannt – nur wenige Stunden vor Beginn des närrischen Tumults. Wie vertragen sich Literatur und Karneval? Wie ist es, mitten im Getümmel für Bücher zu werben? Und was hätte Harry Heine dazu gesagt?

Selinde Böhm und Rudolf Müller geben sich gelassen: „An Rosenmontag haben wir geschlossen. Ansonsten läuft der Betrieb weiter, sogar mit Veranstaltungen.“ Einen Bierwagen hat man ihnen vor die Tür gestellt, das finden die Heine-Hausherrn nicht in Ordnung.

Im Jahr 1360 findet sich eine erste Erwähnung von Karneval in Düsseldorf, also im Mittelalter. „Da könnte man sicher bei Michail Michailowitsch Bachtin nachschlagen“, so Müller, „in seinen Rabelais-Studien entwickelte der Literaturtheoretiker die Vorstellung des mittelalterlichen Karnevals als subversiv, anti-hierarchisches Prinzip der Lachkultur des Volkes. Das hätte Heine gefallen.“

Nach dem kurzen Ausflug in den Literaturhimmel kehrt man wieder zurück ins Irdische der sogenannten fünften Jahreszeit. Müller und Böhm haben Bierdeckel mit dem Spruch: „Die einzige Buchhandlung an der längsten Theke der Welt.“ Wer sein Geschäft auf der Bolkerstraße betreibt, der erlebt jeden Tag ohnehin unglaubliche Dinge. Für Rudolf Müller ist die Sache klar: „Entweder man feiert oder man liest.“ Und was liest man während der tollen Tage? Tatsächlich kommt eine ganze Reihe von Stammkunden ins Heine-Haus, um sich Tipps für die Flucht vor „Prost“ und „Helau“ zu holen. Selinde Böhm empfiehlt einen Roman von Monika Helfer. „Die Bagage“ erzählt eine Familiengeschichte aus dem österreichischen Vorarlberg. Böhm kennt die Autorin: „Eine wunderschöne Frau. Und es geht im Buch um wunderschöne Frauen.“ Hingegen ist es Rudolf Müller  tatsächlich gelungen, einen schmalen Band mit einem wenig verkaufsfördernden Titel mehrfach an die Leser zu bringen. „Neunzehn Arten Wang Wei zu betrachten“ von Eliot Weinberger erzählt von den Schwierigkeiten, ein kurzes Gedicht aus der chinesischen Tang-Dynastie in andere Sprachen zu übersetzen. „Man verliert sich förmlich in diesen eleganten Überlegungen,“ schwärmt der Buchhändler, „man wird meditativ und kommt schließlich in eine Art Lese-Trance.“

Wenn solche Sätze am trubeligsten Tag auf der Bolkerstraße gesagt werden können, weiß man: Es wird doch vieles gut.