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Düsseldorf: Harmlose Publikumsbeschimpfung in Düsseldorf

Düsseldorf : Harmlose Publikumsbeschimpfung in Düsseldorf

Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" zu inszenieren, ist ein wenig, als erzähle man einen Witz, dessen Pointe alle schon kennen. Denn dass sich dieses Stück über das Theater in eine furiose Zuschauerverunglimpfung hineinsteigert, welche die braven Betrachter auf ihren Plätzen mit Titeln wie Glotzaugen, Rotzlecker, Kriegstreiber, Untermenschen bedenkt, das ist legendär, seit die Uraufführung 1966 in Frankfurt durch Claus Peymann auf heftige Gegenwehr stieß.

Ein gereiztes Publikum wollte nicht mit Schimpfwörtern aus der Nazizeit belegt werden und meuterte. Es war die Zeit der Proteste und Provokationen, der Auseinandersetzung zwischen den Generationen. Beste Bedingungen für einen Theaterskandal.

Genau darum versuchen Regisseure heute nicht mehr, diese Provokation zu wiederholen. Sie inszenieren lieber mit Witz, wovon das Stück noch handelt. Von vier Schauspielern nämlich, die spielen, dass sie nicht spielen. Die sich den Mechanismen des Illusionsapparats verweigern wollen und doch eine Wirklichkeit inszenieren. Die Darsteller verheddern sich also in der Dialektik des Theaters. Das ist komisch.

Und so hat es auch der tschechische Regisseur Dusan D. Parízek inszeniert, der jetzt mit Schauspielern vom Prager Kammertheater am Düsseldorfer Schauspielhaus zu Gast war. In der nächsten Spielzeit wird er dort Kleists "Der zerbrochne Krug" inszenieren. Nun zeigte er schon mal, wie er mit minimalen Mitteln hintersinniges Theater macht.

Bei ihm stehen drei Männer und eine Frau auf der Bühne, die das Publikum direkt ansprechen, ihm klarmachen, wie viele Konventionen es unreflektiert bedient, wenn es still auf seinem Platz sitzt, geradeaus schaut, schweigt, schluckt, was ihm geboten wird. Auch im Tschechischen ist Handkes Sprachrhythmus zu spüren, sein trotziger Provo-Beat, der die Zuschauer zur Reflexion über die eigene Rolle treiben will. Parízek liefert sparsam Bilder dazu. Da zieht ein Darsteller mal die Hose aus, an und wieder aus, bis die Entblößung nur noch lächerliche Geste ist, abgegriffenes Ritual. Auch fließen mal Tränen oder Theaterblut, doch sind auch sie nur noch Zeichenhülsen.

Dieses Theater macht seinen Zuschauern nichts vor, es versucht auch nicht, mit Brechtscher Verfremdungstaktik zu belehren. Dieses Theater kreist um sich selbst, lässt die Logik implodieren mit Erklärungen wie: Etwas sei theatralisch, weil es im Theater gesagt werde. Und am Ende zerstören die Darsteller das schlichte Bühnenbild, das nur aus einem Quadergerippe aus Holzstangen bestanden hatte.

Der bis auf die Knochen entblößte Guckkasten wird mit Axt und Motorsäge zerlegt. Danach gibt's tschechisches Freibier für alle. Wie in den wilden Zeiten.

Aber die sind vorbei. Heute tut Handkes Zuschauer-Aufrüttelung nicht mehr weh. Heute frisst Ironie jedes Provokations-Pathos. Aus der Publikumsbeschimpfung ist gute Unterhaltung geworden.

(RP)