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Harald Naegeli: "Keine Angst vor dem Tod, aber vor der Sterberei“

Kinofilm über Harald Naegeli : Keine Angst vor dem Tod, aber vor der „Sterberei“

Seine Graffitis in Düsseldorf und vor allem in Zürich machten ihn legendär. Nun kommt ein bewegender Film über den 81-jährigen Harald Naegeli in die Kinos.

Warum überhaupt ein Film über ihn, fragt er gleich zu Beginn. Warum nicht über große Künstler. Monet etwa. Oder Paul Klee. Oder Kandinsky. Oder Kurt Schwitters. Oder Arp. Er hält ein paar Sekunden laut schweigend inne und ruft begeistert: „Oder über mich!“ Und dann lacht Harald Naegeli dieses Harald-Naegeli-Lachen, in dem einem all das Schelmische seiner Welt gegenübertritt und einen irritiert. War das nun ernst gemeint? Oder nur ein großer Spaß? Eine herzliche Provokation vielleicht?

 So stolpern wir in den eineinhalbstündigen Film über einen der vielleicht unberechenbarsten Künstler. Ein ausgeruhter Kinofilm ist es geworden, der am 2. Dezember in Düsseldorf startet. Was dabei herausgekommen ist? Eine vorsichtige, behutsame und glücklicherweise auch surreale Annäherung an den sogenannten „Sprayer von Zürich“, der für sein Werk ins Gefängnis gewandert ist, der auf seinen nächtlichen Streifzügen im Zeichen der Anarchie und der Kunst immer wieder weitergesprayt hat – bis er immer legendärer wurde und seine Geburtsstadt kaum noch umhin konnte, ihm den Zugang zum Turm des Zürcher Großmünsters für einen gesprayten Totentanz zu gewähren und den mit 50.000 Franken dotierten Kunstpreis der Stadt zu verleihen.

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Zwei Jahre lange hat sich Regisseurin Nathalie David um einen Kontakt zu Naegeli bemüht. Bis der Künstler nach ersten Ablehnungen schließlich zusagte. Ob sie auch zeichne, wollte der 81-Jährige wissen. Das konnte David bejahen. Und so begannen sie, einander zu zeichnen. Das wurde zum Eingangsritual jeder weiteren Begegnung. Es wurden viele, zunächst in Düsseldorf, wo Naegeli mehr als 30 Jahre im „Exil“ wirkte, wie er es immer nannte, bis er im vergangenen Jahr zurück nach Zürich ging. Zu seinen Ursprüngen, seinen Wurzeln. „Ich will nicht in Düsseldorf sterben, sondern in Zürich“, sagt der an Krebs erkrankte Künstler. Der gesprayte Totentanz ist seine Auseinandersetzung damit, die er auch im Medium der Sprache in seinen berühmten Rundmails fortsetzt, die im Film leitmotivisch verlesen werden. Jene vom 27. Januar 2019 etwa: „Heute von 2 bis 7 Uhr rüttelte der Tod mächtig an meinem Gedärm und Knochen. In Erinnerung an seine Knochenmusik habe ich ihm eine schöne Hommage gezeichnet. Natürlich ist diese Hommage eine List, wenn nicht eine unschuldige Bestechung des Künstlers! Der Tod soll bezaubert werden, sein Handwerk um der Utopie und Kunst willen um eine Galgenfrist zurückzuhalten.“ Angst vor dem Tod habe er indes nicht, sagt Naegeli. Aber vor der „Sterberei“.

 Der „Sprayer von Zürich“ – der freilich den größten Teil seiner Arbeiten an Beton- und Hauswänden in Düsseldorf hinterlassen haben dürfte – ist ein Film geworden wie der Künstler selbst: mal nachdenklich, traurig, tiefsinnig, skurril und komisch. Ein großer Utopist wird da erkennbar, ein Freigeist und Eigenbrötler, der seinen Weg gegangen ist, weil er ihn vielleicht gehen musste. Er sei nicht dafür, dass man Sprayer nicht anzeigen soll, sagt er. Aber sie müssten anders beschuldigt werden.

 Kunst als Widerstand. Gegen alles Bürgerliche. Starre. Gedankenlose. Und schließlich als Aufbegehren gegen den Tod. Am Lebensende stehe dann die größte Herausforderung bevor, wie Naegeli sagt: „Die Kunst ist, dass man im Tod lächelt.“

Info Premiere: „Harald Naegeli – Der Sprayer von Zürich“. 2. Dezember, 19 Uhr, Metropol, Düsseldorf, Brunnenstraße 20; Tel. 0211 349709.