Haldern Pop 2019: Warum das Festival so erfolgreich ist

36. Auflage des Kultfestivals : Gedanken über Haldern Pop

Das niederrheinische Musikfestival ist ein Entspannungsbecken für die Populärkultur. Drei Tage ist jetzt wieder zu Musik von Giant Rooks, Idles und Michael Kiwanuka gefeiert worden. Die Botschaft des Wochenendes: Musik verbindet.

Die britischen Idles sind eine der Bands der Stunde. Das liegt weniger an ihrem Brutalo-Rock. Das liegt auch nicht an der Inszenierung ihrer Konzerte, die stets den Charakter eines komplett eskalierenden Kindergeburtstages haben. Der Grund findet sich in der Botschaft, die die Band aus Bristol während ihres Auftritts beim Haldern-Pop-Festival sendete: Sänger Joe Talbot stimmte auf der Bühne in Zeiten der Brexit-Furcht ein Loblied auf das vereinte Europa an (“Long live the European Union“), machte sich für Feminismus und Toleranz stark. Das waren starke Worte, und sie blieben nicht unerwidert. Das Haldern-Pop-Festival, zum 36. Mal wurde es gefeiert, ist ein Ort der maximalen Eintracht. Wenn es dafür noch eines Beweises bedarf, dann dient dazu vielleicht dieser kleine Moment: Während des betörenden Lärms der Idles muss irgendwann im Publikum ein junger Mann niesen. Mehrere Menschen drehen sich um und wünschen freundlich „Gesundheit“. Eine Welle der Höflichkeit, bei einem Rockkonzert – welch ein Wohlfühlwochenende.

Wenn man Haldern aus der Distanz betrachtet, gibt es auch einen weiteren Befund: Den nämlich, dass die Zuschauerschar bei kaum einem anderen Festival so homogen ist. Zugespitzt formuliert: In gewissem Sinne ist das Publikum hier sehr mitteleuropäisch, die Vielfalt des Migrationslandes Deutschlands wird nicht gespiegelt. Man findet viele Pädagogen unter den Besuchern, und es würde einen nicht wundern, wenn in einigen Jahren die Schulbuchverlage das Festival für sich entdecken, wo sich Lehrer dann für das neue Schuljahr eindecken. Haldern Pop fühlt sich immer auch ein wenig an wie das Ende der Ferien, der Abschluss des Sommers. Die Tage werden kühler, die Nächte länger. Die Musikmomente von Haldern Pop speichert man ab wie die Maus Frederick im Kinderbuch von Leo Lionni die Farben.

Es gab viele bunte Farbkleckse beim Festival, das zunehmend für Kulturvielfalt steht, bei dem Klassik gleichberechtigt mit Jazz, Rap oder Indierock aufgeführt wird. Wenn eine ukrainische Rapperin wie Alyona Alyona in Landessprache auf der kleinen Spiegelzeltbühne über Frauenpower und Emanzipation spricht, findet das in Haldern begeisterte Zuhörer. Songwriter Michael Kiwanuka aus London spielte ein beseeltes Konzert auf der Hauptbühne und zeigte großes Musiktalent. Die Schweizerin Sophie Hunger sang herzergreifende Chansons, die Newcomer Giant Rooks aus Hamm wurden gefeiert, Rapper Loyle Carner ließ die Bühne als Wohnzimmer dekorieren, samt gerahmten Fußballtrikots an der Wand und Plattenregal. Er sang dann Rapsongs über Mama und schloss ab mit Worten, die da frei übersetzt lauteten: „Verdammter Brexit“.

Haldern war immer schon ein Ort der britischen Popkultur. Jetzt, wo sich die Insel von Europa abspaltet, wo es mehr wackelt und zieht im Gebälk, werden sich die Künstler der verbindenden Kraft von Musik bewusst. Dieser Geist strahlt über auf die Besucher. Es gibt keine Aggressionen, Rücksichtnahme wird geübt. Man widmet sich gemeinsam der Musik. Das ist wohl der größte Unterschied zum Parooka-Festival auf der anderen Rheinseite, das seit einigen Jahren die Massen bewegt. In Weeze wird eine riesige Kirmes-Kulisse aufgebaut, in der sich die Generation Instagram selbst inszeniert. In Haldern feiert man wiederum die, die eine Sache besser können als man selber. Die Smartphones werden seltener gezückt – und wenn, dann nicht im Selfie-Modus.

Getrübt wurde die Freude in diesem Jahr nur durch manche Absage von Künstlern in letzter Minute: Chartstürmer Dermot Kennedy kam doch nicht, Songwriterin Julien Baker erkrankte. Zur Wahrheit gehört: Solche Rückschläge gab es auch früher in Haldern auch schon, über die sozialen Medien wurden sie nur nicht verbreitet, so dass der Zuschauer oft nicht mitbekam, dass ein Künstler abgesagt hat.

Über das Wetter muss man natürlich noch reden, weil: Der Niederrheiner redet gern über das Wetter. Nur für einen kurzen Moment am Freitag fühlte sich Haldern an wie Woodstock. Wolkenbruchartig fiel Wasser aus dem Himmel. Kurz dachte man, dass dieses Festival seinem Ruf als niederrheinisches Woodstock gerecht würde. Dieser Befund wäre allerdings schon deshalb ungerecht, weil Woodstock auch Synonym für totales Planungsdesaster ist. In Haldern dagegen haben 518 Aktive, zahlreiche Ehrenamtler, für ein geordnet gelaufenes Fest gesorgt, bei dem die Musik-Welt wieder ein kleines Musik-Dorf am Niederrhein hat bestaunen dürfen.

Den örtlichen Fußballverein sollte man übrigens in Eintracht Haldern umbenennen.

Mehr von RP ONLINE