Was Frisuren über Politiker aussagen Strähnen lügen nicht

Frisuren sagen viel über Menschen aus. In der Politik sind sie oftmals ein Statement. Entsprechend hoch ist mitunter der Aufwand fürs Styling – auch der finanzielle.

Was Frisuren über Politiker erzählen
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Foto: IMAGO/Newscom / GDA/IMAGO/Hernan Zenteno

Frisur? Eine solche Beschreibung scheint an den Haaren herbeigezogen, fällt der Blick auf das, was sich auf dem Haupt von Javier Milei abspielt, Argentiniens designiertem Präsidenten. Nicht nur der überraschende Wahlsieg des 53-Jährigen, der sich selbst als radikalen Liberalen und Anarchokapitalisten bezeichnet, hat weit über das südamerikanische Land hinaus für Aufsehen gesorgt, sondern eben auch Mileis Matte: dicht, wirr, ohne erkennbaren Schnitt. „Peluca“, Perücke, nennen sie ihn deshalb schon seit Jahren. Alles echt, beteuert der ultrarechte Politiker, bloß benutze er nun mal keinen Kamm, sondern lasse sich vom Gott Äolus stylen, dem Herrn der Lüfte, bei der morgendlichen Autofahrt mit heruntergelassenen Fenstern.

Das allerdings weckt Zweifel, denn bei näherem Hinsehen scheint das Chaos auf Mileis Kopf dann doch kunstvoll arrangiert, und der sichtbar glänzende Haarfestiger ist gewiss nicht himmlischen Ursprungs. So liegt der Verdacht nahe, dass in dem Schopf eine Botschaft steckt: Seht her, ich bin nicht Teil des Establishments und dennoch authentisch, um mich herum pfeift obendrein für alle sichtbar der Wind der Veränderung. Das passt zu jemandem, der den menschengemachten Klimawandel anzweifelt, die Waffengesetze liberalisieren, Abtreibung komplett verbieten und die Zentralbank „in die Luft sprengen“ will. Mal sehen, ob es so kommt.

Irgendwie fällt einem dabei ein anderer Struwwelpeter im Kreis der Mächtigen ein, der ebenso durch krause Ansichten von sich reden machte, bei jeder Gelegenheit wider den Strich bürstete und alte Überzeugungen kurzerhand abrasierte: Boris Johnson. Die Haare des früheren britischen Premiers sahen immer aus, als habe sich kurz zuvor ein Unfall ereignet, doch überstand der Konservative Kollisionen auf dem politischen Parkett lange Zeit nahezu schadlos.

Dass sich Johnson vom Brexit-Skeptiker innerhalb kürzester Frist zum leidenschaftlichen Befürworter des Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union wandelte – Haarspalterei der Opposition. Dass ihn Fotos während seines Studiums am Eton College, einem der teuersten Internate weltweit, Ende der 70er-Jahre mit perfekt sitzendem Haar zeigen – na und? Dass er irgendwann auf die Idee gekommen sein könnte, die Abkehr von seiner elitären Stromlinienform durch klassenlosen Wildwuchs zu unterstreichen, um dadurch wählbar für die Massen zu werden – reine Spekulation! Aber Strähnen lügen nicht.

Afro-Look, Punk-Frisuren, Hippie-Mähne – Haare sind ein politisches Statement, sogar, wenn sie gänzlich fehlen und etwa mit Springerstiefeln kombiniert werden. Im Iran schneiden sich mutige Frauen immer wieder öffentlich die Haare ab – aus Protest gegen das Mullah-Regime und als Zeichen der Trauer um dessen ermordete Opfer. Vor 100 Jahren ließen sich Frauen hierzulande im Zuge der Emanzipation einen „Bubikopf“ machen, jene hingegen, die sich in den von Nazi-Deutschland überfallenen Ländern mit den feindlichen Soldaten eingelassen hatten, wurden nach deren Vertreibung wegen „horizontaler Kollaboration“, wie es damals hieß, vor einer johlenden Menge gnadenlos kahl geschoren.

Im Mittelalter kamen verheiratete Frauen in Deutschland „unter die Haube“, das heißt, sie durften ihr Haar nicht mehr offen tragen. Ein paar Jahrhunderte später indes feierte das Musical „Hair“ junge Leute, die durch lange Mähnen ihrem Protest gegen autoritäre Gesellschaftsstrukturen Ausdruck verliehen, was bei ihren Altersgenossen in Westdeutschland zu dem schönen Sponti-Spruch führte: „Eine Frisur findet nicht statt“ – in Anlehnung an das im Grundgesetz verbriefte Freiheitsrecht „Eine Zensur findet nicht statt“.

Für Repräsentanten der Macht haben Haare einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf ihren Erfolg. Richard Nixon soll das von 60 Millionen Amerikanern verfolgte erste Fernsehduell in der Geschichte am 26. September 1960 gegen John F. Kennedy unter anderem auch deshalb den Wahlsieg gekostet haben, weil er schlecht rasiert war. Angela Merkels Frisur hingegen spiegelt ihre Metamorphose von „Kohls Mädchen“ zur damals mächtigsten Frau der Welt: Aus ihrem anfänglichen Topf-Schnitt wurde ein Top-Schnitt. „In der Politik werden Menschen auch an ihrem Aussehen gemessen, deshalb sind die Haare natürlich besonders wichtig“, fasste die prominente Fotografin Herlinde Koelbl im Deutschlandradio Kultur einmal zusammen.

Wie es scheint, messen Rechtspopulisten ihren Haaren besondere Bedeutung bei. Neben Javier Milei und Boris Johnson stellen das Donald Trump und Geert Wilders eindrucksvoll unter Beweis. Der amerikanische Ex-Präsident und der niederländische Chef der islamfeindlichen Partei der Freiheit zeichnen sich nicht nur durch aufmerksamkeitsheischende hochtoupierte Frisuren aus, sie treten ebenso wie Johnson noch dazu blond in Erscheinung, eine Farbe, die Jugendlichkeit, Energie und Exklusivität signalisiert. Wobei Trump die Haare nicht ganz so schön hat: An den Seiten wachsen sie wohl noch wie gehabt, müssen aber offenbar kahle Stellen weiter oben kaschieren. Hinzu kommt die übertriebene Tönung, die je nach Trumps Tagesform bis ins Orange hinein reicht.

Wilders hingegen verfügt über kräftigen Wuchs, färbt aber auch, was dem Sohn eines niederländischen Vaters und einer indonesisch-niederländischen Mutter die Spitznamen „blonde Dolly“ oder „Mozart“ eingebracht hat. Belächelt werden dürfte der 60-Jährige nach seinem Wahlsieg in dieser Woche, der die Niederlande deutlich nach rechts rückt, allerdings weniger als in den Jahren zuvor. Die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen und die rechtskonservative italienische Premierministerin Giorgia Meloni scheinen ebenfalls zu belegen, dass in diesem politischen Spektrum Blondinen bevorzugt sind.

Helmut Schmidts graue Haare wiederum lagen stets unerschütterlich wie ein Helm um sein Haupt, sorgsam nach hinten gekämmt, keine Sturmflut vermochte daraus auch nur eine Strähne herauszulösen. Das wirkte standfest, geradlinig, verlässlich. Unprätentiös wie Deutschlands First Reihenhaus-Bewohner nun einmal war, veränderte Schmidt seine Frisur nie. Genauso ordentlich gekämmt wirkten die Sätze des SPD-Altkanzlers. Loriot hat das seinerzeit in einem von ihm gezeichneten köstlichen Werbeclip für die „Zeit“ auf den Punkt gebracht.

Sorgsam frisierte Haare waren und sind zudem Markenzeichen von Margaret Thatcher oder Ursula von der Leyen. Beide Politikerinnen könnten direkt einer dynamischen Drei-Wetter-Taft-Reklame entsprungen sein. Bei Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach ist das Gegenteil der Fall: Seine Frisur vermittelt stets jene Spannung, die auch seinem Tonfall eigen ist. Bei so wenig Eitelkeit wundert es nicht, dass Lauterbachs Ressort gar nicht erst in der aktuellen Liste über die Ausgaben der einzelnen Bundesministerien für Visagisten und Friseure auftaucht. Insgesamt rund 180.000 Euro wurden von Januar bis zum Stichtag 12. Oktober 2023 für die Verschönerung von Kabinettsmitgliedern, Staatssekretären und Parlamentarischen Staatssekretären verwendet, wie aus der Antwort der Bundesregierung von Anfang November auf eine Kleine Anfrage der AfD-Bundestagsfraktion hervorgeht. Demnach nimmt das Auswärtige Amt mit 98.770 Euro den Spitzenplatz ein, was offenbar der regen Reisetätigkeit von Annalena Baerbock geschuldet ist.

Vorbildlich nachhaltig erscheint dagegen der entsprechende Aufwand, den das Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz von Robert Habeck (Grüne) betreibt: Ganze 550 Euro wurden bis dato ausgegeben. Dahinter rangiert das Bildungsministerium unter Bettina Stark-Watzinger (FDP) mit 1739,96 Euro. Spitz gerechnet wird offenbar auch im Bundesfinanzministerium von Christian Lindner (FDP), dessen Ausgaben für Haut und Haar mit 1833 Euro zu Buche schlagen, gefolgt von dem von Hubertus Heil (SPD) geführten Arbeitsministerium (3069,20 Euro) und dem Verteidigungsministerium von Boris Pistorius, SPD (3869,53 Euro).

Beim Umweltministerium von Steffi Lemke (Grüne) sind es schon 5332,69 Euro. 6838,87 Euro wurden im Innenministerium von Nancy Faeser (SPD) fällig. 11.169,95 Euro verzeichnet die Drucksache beim Ressort der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Claudia Roth (Grüne), 12.816,25 Euro beim Bauministerium von Klara Geywitz (SPD) und stolze 20.909,60 beim Familienministerium von Lisa Paus (Grüne).

Das Bundeskanzleramt landet mit 23.013 Euro auf Platz zwei, was kaum an der Pflege der spärlichen Haarpracht von Amtsinhaber Olaf Scholz liegen kann. Mit weiteren 29.416,99 Euro schlägt übrigens die „Inanspruchnahme von Visagisten und Friseuren durch ehemalige Bundeskanzler“ im Berechnungszeitraum zu Buche; hier wird im Besonderen auf die Dienste einer „freiberuflichen Assistentin für Make-up und Frisur“ verwiesen. Prominente Kundin dürfte Altkanzlerin Angela Merkel sein, die noch immer zahlreiche öffentliche Auftritte absolviert. Dem Berliner „Tagesspiegel“ hatte das Bundeskanzleramt Anfang August dieses Jahres mitgeteilt, dass seit Merkels Ausscheiden aus dem Amt Ende 2021 fast 57.000 Euro an Kosten für deren Styling angefallen seien, inklusive der dafür notwendigen Reisekosten.

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