Gustaf Gründgens spielte mit dem Bösen

Gustaf Gründgens spielte mit dem Bösen

Vor 50 Jahren starb der Schauspieler. Eine Biografie liefert Details über den Theaterstar, der als "Günstling der Nazis" verurteilt, als "Mephisto" verehrt wurde.

Er wusste das Böse mit dem Spielerischen zu verschmelzen, gab ihm eine unheimliche Brillanz, eine nihilistische Leichtigkeit, die Unbehagen weckt, weil sie keine Angst kennt – die menschlichste aller Regungen. Gustaf Gründgens hat aus "Mephisto" einen "picassohaften Harlekin", einen "karnevalistischen Höllenkavalier" gemacht, wie die Kritiker seiner Zeit voll Achtung schrieben, eine unerhörte Figur, die auch 50 Jahre nach Gründgens Tod nicht mehr zu denken ist, ohne ihn vor Augen zu haben, mit dem weißen Gesicht, den roten Lippen, den unmenschlich geraden Augenbrauen. Ein gemeiner Clown.

Er sei ein Fanatiker der Präzision, ein geschworener Feind alles Zufälligen, Unklaren und Unkontrollierbaren, hat Gründgens einmal über sich selbst geschrieben. Mephisto hat er mit dieser kalten Präzision zu einer modernen Figur gemacht, dem schwermütigen Grübler Faust weit überlegen. Und sich selbst hat er so in die Theatergeschichte eingeschrieben, hat sich Unsterblichkeit erspielt.

Gustaf Gründgens, der Klassizist des deutschen Theaters, der Bühnenvirtuose, das Sprachgenie – bis heute steht er für ein Theater, das Geist mit Genuss zu verbinden wusste, das selbstbewusst dem Text diente, das große Häuser füllte. Gründgens brannte für seine Arbeit, Schauspiel war ihm alles, und diese Haltung forderte er ebenso von anderen. Sprachgewandt war er auch, wenn er sein Verständnis von Theater vermitteln sollte. So schrieb er einmal: "Der Zuschauer soll verstehen, was der Schauspieler sagt. Der Schauspieler soll verstehen, was der Dichter sagt, und der Dichter soll verstehen, was er selbst sagt." Höher kann der Anspruch ans Theater nicht sein – und stolzer nicht das Selbstbild eines Bühnenkünstlers.

Seine Besessenheit, sein Wissen um das eigene Talent, seine Eitelkeit haben Gründgens allerdings auch zu einer der umstrittensten Figuren des deutschen Theaters werden lassen. Der Bohèmien der 1920er Jahre, der Männer liebte und als Dandy mit Monokel durch die Berliner Nachtclubs zog, entschied sich 1933 in Deutschland zu bleiben. Er heiratete die bewunderte Schauspielerin Marianne Hoppe, wurde Günstling von Hitlers Stellvertreter Hermann Göring, wurde Intendant des Preußischen Staatstheaters in Berlin, Staatsschauspieler.

Von Propagandaminister Goebbels misstrauisch beäugt, versuchte er aus seinem Theater eine Insel im braunen Sumpf zu schaffen. Dafür ließ er sich ein auf den Pakt mit dem Teufel seiner Zeit. Während Schauspieler, die ihm nahestanden, emigrieren mussten, verhaftet wurden oder sich aus Verzweiflung das Leben nahmen, machte er weiter Theater. Mit Geschick umging er die schlimmsten Rollen, spielte nicht mit im antisemitischen Machwerk "Jud Süß", verbannte die ärgsten Hetzstücke von seiner Bühne. Doch die Nähe zur Macht scheute er nicht. Er wollte weiter spielen. Und in einer Villa residieren wie ein Fürst. Und vor Unheil bewahren, wen er konnte.

Abwägend und angenehm unaufgeregt schreibt der Theaterwissenschaftler Thomas Blubacher in seiner neuen Biografie "Gustaf Gründgens" über diese Zeit. Er hat mit zahlreichen Gefährten Gründgens gesprochen, hat deren Aussagen mit Textquellen verglichen, hat durch akribische Recherche versucht, einem Mann gerecht zu werden, der die Schuld auf sich lud, den falschen Herren zu dienen, der aber unempfänglich blieb für rechtes Gedankengut.

Für zahlreiche Kollegen hat sich Gründgens eingesetzt, hat sie finanziell unterstützt, hat sein Ansehen riskiert. Nicht mehr, nicht weniger. Der große Schauspieler Ernst Busch gab nach dem Krieg mit Emphase zu Protokoll, wie Gründgens ihn vor dem Galgen rettete und entlastete den Kollegen damit im Entnazifizierungsverfahren. Blubacher weist sorgfältig nach, dass Busch nicht der einzige war, dass Gründgens auch half, wenn es um weniger bekannte Kollegen ging. Als Homosexueller musste er die Nazis selbst auf dem Zenit seines Ruhms immer fürchten, er war kein unpolitischer Traumtänzer, sondern ein Künstler, der sich bewusst eingelassen hatte auf ein riskantes Spiel mit den Mächtigen.

Verständlich aber auch, dass alte Freunde wie Thomas Manns Sohn Klaus, im Exil nur verbittert auf Gründgens Aufstieg im Nazireich blicken konnten. Klaus Mann hat diese Verbitterung in seinen süffisanten Schlüsselroman "Mephisto" verwandelt und darin mit ätzender Satire ein Zerrbild von Gustaf Gründgens gezeichnet, gegen das Biografen noch heute anschreiben.

Blubacher tut das, indem er den Blick weitet auf das gesamte Schaffen dieses Ausnahme-Theatermenschen. Lebendig erzählt er aus Gründgens' Lehrjahren bei Louise Dumont an der Hochschule für Bühnenkunst in Düsseldorf und von seiner Rückkehr in die Heimat, 1947 als Intendant des Schauspielhauses. Dort hatte es Gründgens keineswegs so leicht, wie es in der verklärenden Rückschau oft erscheint. So beklagt er sich über die "vielleicht lokal begründete Nörgelsucht" in Düsseldorf, auch über den Erwartungsdruck, der ihn erschöpfte. Das liest sich wie eine Beschreibung unserer Tage. Doch Gründgens bringt sein Haus zur Blüte. Der "Chef" regiert souverän wie ein Patriarch, greift mit seinem "Goldhändchen" auch in die Inszenierungen seiner Regisseure ein, spielt und inszeniert vor vollem Haus. Gegen neue Tendenzen, der Adenauer-Behäbigkeit im Theater durch Experimentelles zu begegnen, bindet er sich im "Düsseldorfer Manifest" an eine traditionelle Ästhetik. Klar, konzentriert, feierlich – von der Höhe seines Regiestils wollte Gründgens nicht wieder hinabsteigen. Absurdes Theater kam ihm nicht ins Haus.

Als er dann 1954 an die größte Bühne des Landes wechselte, an das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, versammelte er ein Starensemble, arbeitete bis zur Erschöpfung. 1957 krönt er seine lebenslange Arbeit am "Mephisto" mit jener "Faust"-Inszenierung, die Legende wurde – Will Quadflieg als Faust, Antje Weisgerber als Gretchen, Elisabeth Flickenschildt als Marthe. Und die Kritiker stellten fest, dass Gründgens einen Stoff modernisieren konnte, allein durch Akzentverschiebungen im Spiel.

Körperlich jedoch zahlte Gründgens schon längst einen hohen Preis für seine Verausgabungen. Schlafen konnte er gar nicht mehr, seine Tablettensucht zeigte üble Nebenwirkungen, hinzu kamen Depressionen. Eine Weltreise mit seinem jungen Geliebten sollte ihn das echte Leben lehren. Doch gleich zu Beginn kam es zum Streit, Gründgens ging zu Bett, nahm Schlaftabletten, notierte auf einen Umschlag, er habe wohl zu viele Pillen geschluckt: "Mir ist ein bisschen komisch. Lass mich ausschlafen." In dieser Nacht, am 7. Oktober 1963, starb Gustaf Gründgens an Magenblutung. Natürlich brodelten die Gerüchte.

Als er Ende der 1920er Jahre in Berlin seine ersten großen Erfolge feierte, schrieb Gründgens: "Ich habe ein Gesicht bekommen, aber ich habe nicht mein Gesicht bekommen." Er wurde geliebt für seine Rollen, das hat den Menschen Gründgens einsam gemacht.

Er wollte das Leben im Griff haben, darum inszenierte er es auf der Bühne – und war am Ende zu erschöpft, es in der Wirklichkeit noch länger auszuhalten.

(RP)
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