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Günther Uecker wird 90

Gigant der Bildenden Kunst : Wie Günther Uecker sein Feld bestellt

Zum 90. Geburtstag des weltberühmten Nagelkünstlers: Immer noch arbeitet er von früh bis spät und stellt international aus. Gerade erst war er wieder im Iran. Geprägt hat ihn seine bäuerliche Herkunft von der Ostsee.

Wer Ueckers Werk verstehen will, muss Uecker verstehen. Und wer Uecker verstehen will, muss neun Jahrzehnte eines Künstlerlebens durchdringen, dessen Ursprünge an einem der glamourösen Stadt Düsseldorf so fernen Ort liegen. In der rauen Landschaft der Halbinsel Wustrow, im Hinterland der Ostseestrände, ist Uecker am 13. März 1930 zur Welt gekommen, als Bauernsohn, der die Stoppeln der Felder, die er beim Tierehüten mit nackten Füßen durchlief, heute noch spürt.

Die bäuerliche Prägung wird er zeitlebens nicht los und will sie auch nicht verleugnen. „Mein Werk ist getrieben und geprägt von diesem tiefen melancholischen Gefühl eines an der Ostsee aufgewachsenen Mecklenburgers.“ Fast 65 Jahre ist der einstige DDR-Flüchtling, für den nach dem Arbeiteraufstand im Osten die Welt zerbrochen war, heimisch in Düsseldorf. Mit einer Aktentasche, in der sich sein Facharbeiterbrief, die Papiere und eine Unterhose befanden, hatte er 1953 am frühen Morgen rübergemacht. Noch Jahre danach plagten ihn Alpträume, er wäre zurück in die Heimat gefahren und festgehalten worden.

In Düsseldorf studierte er an der Kunstakademie bei Otto Pankok, lehrte als Professor, hatte seine allererste Ausstellung, schloss sich der Zero-Gruppe an, wurde ein Künstler von Weltrang und lernte Ende der 1960er Jahre seine über alles geliebte Ehefrau Christine kennen, mit der er Sohn Jacob hat. Doch Heimat, das hat er im Alter begriffen, ist immer der Ort seiner ungesslichen Kindheit geblieben.

An der Ostsee weht ein Wind, Licht und Ozean produzieren Himmelsspektakel, und die Stoppeln auf den abgeernteten Feldern werfen dem Rund der Sonnenuhr folgend launige Schatten in die Flächen. Diese Landschaftseindrücke verarbeitet Uecker in seinem Werk, die Furchen des Ackers, Reihungen und Punktationen. Tausende Eisennägel schlägt er rhythmisch in eine Leinwand, jedes „Nagel-Feld“ ist Ausdruck von Wucht, der Nagel dabei der verlängerte Stift des Künstlers.

Mehr als das: „Der Nagel ist meine Vitalität, meine Selbstohrfeige, immer zwischen Vergröberung und Zärtlichkeit zu sehen“. Ein Spoekenkieker sei er, ein Mensch, der einen Blick für Spuk hat, für Imagination, Wunder und Bilder, wie Munch sie gemalt hat.

Fast alle Länder der Erde hat Uecker bereist, nicht als Tourist, sondern als sich hineinbegebender, forschender und den Dialog aufnehmender Künstler. Wie ein Landmann geht er als Künstler vor, bestellt sein Feld, ohne innezuhalten. Das Material entspringt dem Alltag, Sand, Seile, Stein, Holz, Asche, Papier, Nägel. Auch Schrift setzt er ein, hunderte Wörter, die von der Verletzung des Menschen durch den Menschen künden, reiht er auf meterhohe Tücher. Darin klingt seine Vergangenheit mit, Uecker war Rebell und Randalierer, aus blanker Armut heraus Hausbesetzer und Bewohner eines Trümmerzimmers an der Kö. Angst und Wehrhaftigkeit durchziehen sein Werk neben Zärtlichkeit, Poesie und Liebe. Seine Bilder, das sagt er, seien als Liebesbriefe gemeint, die der Wind über dem Hügel verweht. Er hofft auf Erwiderung seiner großen Gefühle.

Uecker ist durch Traumata erschüttert: Als die Russen im Zweiten Weltkrieg in seinem Heimatdorf über die Frauen herfielen, vernagelte der Junge das Haus, um Mutter und Schwestern zu beschützen. Wieder waren es russische Soldaten, die ihm eine Lebenslektion bescherten. Der Krieg lag in den letzten Zügen, als der 15-Jährige am Ostseestrand halb verweste Leichen verscharren musste, Tote vom abgeschossenen Dampfer „Cap Arcona“. Diese Aktion ist ihm ein großer Schmerz lebenslang. Jahrzehnte später ist er zu diesem Strand zurückgekehrt, um weiße Tücher für die Toten auszubreiten, als Akt des Mitgefühls.

Farbe ist in Ueckers Werk nur tonangebend in den Aquarellen, etwa in dem Hafez-Zyklus, der im Iran die Menschen begeisterte. „Farben sind Quanten meiner Empfindungen“, sagt er. Das überbordende Aquarellieren, wie er es in seinen Reisetagebüchern betreibt, sei für ihn ein Prozess von schwingender Freude. Ein Jubel an die Welt.

Uecker wollte immer sehr alt werden. Das sagte er schon mit 75 und 80. Manche Krankheit hat ihn seitdem ereilt, auch lebensbedrohlich, doch selbst die schwersten Krisen hat er überwunden. Er arbeitet von früh bis spät, stellt international aus. Gerade erst war er wieder im Iran. Vor Senilität bewahre ihn das Kindhafte, sagt er. „In der Erschöpfung wächst mir Kraft zu.“

Es gibt diese Botschaften, die der Künstler gebetsmühlenartig wiederholt: „Die Kunst kann den Menschen nicht retten, doch mit den Mitteln der Kunst wird ein Dialog möglich, welcher zu einem den Menschen bewahrenden Handeln aufruft.“ Unbedingt zum Uecker-Sound gehört sein Kernsatz: „Das Eigentliche ist noch nicht getan.“ Auch jetzt, vor wenigen Wochen in seinem Atelier, sagt er es wieder – beinahe fröhlich. „Ich habe immer gedacht, das ist noch eine Werkphase. Das war sehr einfältig. Das Eigentliche ist keine Form von künstlerischem Ausdruck, sondern es handelt sich um den Tod.“