Düsseldorf: Grönemeyers rätselhafter Song

Düsseldorf : Grönemeyers rätselhafter Song

Man hat sich gefragt, was er noch besingen will, nachdem er schon jedes dicke Brett gebohrt und alles gesagt hat über den Menschen an sich und über Gott. Herbert Grönemeyers Lieder sind ja nicht einfach bloß Lieder, sie sind Leitartikel, Rede zur Lage der Nation und Predigt. Und nun hat er ein neues veröffentlicht, es heißt "Schiffsverkehr" und geht auf bräsigen Gitarren und öligen Synthieflächen recht gut ins Ohr. Nur der Text, die Botschaft, die Message, sie bleibt irgendwie verschlossen. Man möchte auch diesen Orakelspruch des Staatsdichters und Nationallyrikers und Bundesherbies wieder wie die Besucher von Delphi als Offenbarung aufnehmen. Man sucht Erleuchtung im neuerlichen Geistesblitzgewitter. Allein: Wenn die lyrische Sturzflut nach vier Minuten verebbt ist, steht man begossen da und fragt: Was soll das?

"Entfalte meine Hand / Die Anker los, denn auch jedes Tief dreht sich ins Hoch / Fall auf meinen Fuß, die Feuer sind gesetzt, und die Nebel leuchten." So lautet die artistische erste Strophe, und danach reimt Grönemeyer "Radikalkur" auf "Natur" und "Überholspur", und es ist nicht klar, ob das eher Schreibseminar oder Pfadfinderlager ist, ob das nach Dada klingt oder wie das Echo im Brunnen der Erkenntnis.

Im Radio spielen sie "Schiffsverkehr", den Vorboten des gleichnamigen, am 18. März erscheinenden Albums, häufig. Und mit jedem neuen Tag spürt man die Verzweiflung wachsen. Der Sender "Hit Radio FFH" bat einen Psychologen, die Verse zu deuten, doch selbst der Fachmann in Seelenkunde antwortete kleinlaut und ausweichend. Es gehe wohl um Aufbruch. Oder so.

Die Vermutung liegt indes nahe. "Weg mit dem fixen Problem / Ich will mehr Schiffsverkehr / Endlich auf hohe See", lautet schließlich der Refrain. Im Hintergrund singen zarte Frauen, Sirenen vielleicht, was an Odysseus denken lässt. Im Video-Clip zum Song fährt der Schauspieler August Diehl auf einem Mofa ans Wasser, er zieht einen Anhänger mit kleinem Boot darauf hinter sich her. Diehl erlebt auf seiner Reise viele romantische Momente, und am Ende schließt er sich den Meerjungfrauen an. Wie passend. "Werde, wer ich bin / Gute Fahrt / Die Dämonen sind versenkt", singt Grönemeyer dazu, weniger abgehackt als gewohnt, geschmeidig gar, und wer sich für Philosophie interessiert, ruft sofort: Nietzsche! "Wie man wird, was man ist", heißt dessen "Ecce Homo" im Untertitel. Zur Einsicht allerdings führt auch diese Spur nicht.

Grönemeyer hat mal verraten, er habe stets zuerst die Melodie eines Lieds und singe darauf zunächst Kauderwelsch. Bislang hat er daraus Geschichten über Parkplatzsuche, Leibgerichte und die Geschlechter geschält, aber vielleicht war ihm das diesmal zu viel. Vielleicht hat er einfach springende Gedanken, ellipsenhafte Rhetorik und flackernde Bilder von einst recycelt, remixt und aufgebrüht. Maritime Symbolik kennt man von ihm – "Das Boot" und "Zum Meer" und die Zeile "Alkohol ist das Schiff, mit dem du untergehst".

Vor allem hat Grönemeyer aber aus seiner "Bleibt alles anders"-Phase geklaut. Das Lied von 1998 gilt unter Fans wegen seiner Seherhaftigkeit als besonders brillant: "Stillstand ist der Tod / Geh voran / Bleibt alles anders", heißt es da. Und: "Deine Droge bist du". Die Parallelen zu den aktuellen Versen "Leb mich voran / Und ich verliere mich in mir" sind offensichtlich. Selbstzitat also. Eigenplagiat.

Damit hat man es dann. Nach der Schöpfung und dem höchsten aller Wesen thematisiert Grönemeyer sich selbst. Wie heißt noch sein Best-of-Album? "Was muss muss".

(RP)
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