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Grishams böser Blick auf Amerika

Grishams böser Blick auf Amerika

New York Wenn Europäer von Amerika träumen, dann müsste sie eine Ortschaft wie Clanton schweißgebadet hochschrecken lassen. Dieses "Clanton" im Ford County im Bundesstaat Mississippi erfüllt nämlich kein einziges Klischee, das Fernsehserien wie "Sex and the City" oder "O. C. California" vorgaukeln. Clanton steht für ein Amerika, das die wenigsten wahrhaben wollen.

In seinem neuen Buch "Das Gesetz", das in den USA auf Anhieb auf Platz eins der Bestsellerliste der "New York Times" einstieg und nun auf Deutsch erscheint, nimmt John Grisham die Leser mit an diesen Ort. Der Bestseller-Autor ist in Mississippi aufgewachsen und schildert in sieben Kurzgeschichten den Alltag in der tiefsten Provinz. Regelmäßiger Kirchgang bestimmt dort das öffentliche Leben. Schwarze sind immer noch weniger wert als Weiße. Gerüchte machen schnell die Runde. So geschieht es auch in der Geschichte "Ein Ort zum Sterben", in der Adrian Keanes nach Hause kommt, weil er in seinen letzten Lebenswochen nicht weiß, wo er sonst hingehen soll. Der homosexuelle Spross einer reichen Familie ist nach der Highschool sofort der puritanischen Enge entflohen. Er hat in New York und San Francisco die Freiheit genossen. Nun ist er an Aids erkrankt und kommt zurück in eine Stadt, in der niemand es wagt, ihn zu berühren oder die gleiche Luft wie er zu atmen. Nur Emporia, eine alte, farbige Frau, erklärt sich bereit, ihn in seinen letzten Tagen zu pflegen. In klarer Sprache, ohne jegliches Pathos lässt Grisham den Erregungspegel in der Kleinstadt steigen und eine zutiefst menschliche Beziehung zwischen Adrian und Emporia wachsen.

Auch in den anderen Kurzgeschichten geht es um Rache, Gerechtigkeit und die wenigen Chancen, die sich im Leben bieten, auszubrechen aus der Monotonie und den starren Regeln einer hinterwäldlerischen Gesellschaft. Und Grisham, der selbst als Anwalt gearbeitet hat, wirft einen schonungslosen Blick auf das amerikanische Justizsystem, in dem Anwälte nur nach Millionen-Prozessen gieren und Richter keine Unabhängigkeit kennen, sondern für ihr Amt kandidieren müssen. Der 55-Jährige hat seine Karriere mit Thrillern begonnen, seine letzten Bücher jedoch führen vom Kriminalroman weg. Mit "Das Gesetz" reiht sich Grisham in eine andere Riege ein – die der Geschichtsschreiber. Er erzählt bewegend von den erschreckenden Realitäten im Land einer Weltmacht, auf die man als Amerikaner gewiss nicht stolz sein kann.

Info John Grisham: "Das Gesetz". Aus dem Amerikanischen von Kristiana Dorn-Ruhl, Bea Reiter, Imle Walsh-Araya. Heyne, 384 Seiten, 19,99 Euro