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Grass nicht zum Antisemiten stempeln

Grass nicht zum Antisemiten stempeln

Tel Aviv / Berlin (dpa/epd) Der Verband hebräischsprachiger Schriftsteller in Israel hat Autoren in aller Welt dazu aufgerufen, sich klar von Günter Grass zu distanzieren. Der Vorsitzende des Verbands, Herzl Chakak, sagte gestern, man fordere auch eine Stellungnahme der internationalen Schriftstellervereinigung Pen sowie des Nobelpreiskomitees. "Sie müssen sich von der Verletzung grundlegender menschlicher Werte distanzieren und klar Position beziehen", sagte Chakak der Nachrichtenagentur dpa. Der israelische Innenminister Eli Jischai hatte Grass wegen dessen umstrittenem Israel-Gedicht "Was gesagt werden muss" am Sonntag zur unerwünschten Person erklärt.

Auch in Deutschland ist der Streit über das israelkritische Gedicht von Günter Grass und dessen Konsequenzen fortgesetzt worden. Während Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse den Literaturnobelpreisträger gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz nahm, verteidigte Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) das von Israel gegen Grass verhängte Einreiseverbot. "Israel hat jedes Recht der Welt, ehemalige SS-Leute nicht ins eigene Land zu lassen", sagte Niebel der "Leipziger Volkszeitung". Allerdings nützten "schrille Worte keiner Seite, weder in Gedichtform, noch durch Einreiseverweigerung", ergänzte Niebel, der von 2000 bis 2010 Vize-Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft war. Israel sehe sich durch das iranische Atomprogramm existenziell bedroht. "Wer diese Bedrohung verharmlost, der betreibt Realitätsverweigerung", betonte der Minister. Ein militärischer Schlag dürfe aber immer nur letztes Mittel sein.

Thierse sagte im Deutschlandfunk: "Ich halte es für fatal, aus Günter Grass einen Antisemiten zu machen und zu behaupten, aus ihm spreche noch nach 60 Jahren der Waffen-SS-Mann, der er als Jüngling nicht ganz freiwillig gewesen ist." Mit der Warnung vor einem israelischen Atomschlag gegen den Iran habe Grass in seinem umstrittenen Gedicht eine in Deutschland verbreitete Angst zum Ausdruck gebracht.

Der 84-Jährige habe dies jedoch "mit falschen Argumenten und in teilweise sehr unglücklichen Formulierungen" getan, räumte Thierse ein. Deshalb müsse man Grass widersprechen. "Ich bin sehr dafür, dass wir politisch streiten, aber nicht, dass wir jemanden zum Antisemiten stempeln, nur weil er eine kritisierenswerte Ansicht vertreten hat", sagte er.

(RP)