Grammys 2018: Bruno Mars ist der falsche Sieger

Meinung : Bruno Mars ist der falsche Grammy-Sieger

Im vergangenen Jahr warf der Sänger und Produzent Frank Ocean den Grammys vor, nicht mehr zeitgemäß zu sein. Der wichtigste Musikpreis der Welt spiegele nicht die Gegenwart wider, er sei nostalgisch. Und wer in diesem Jahr genau hinschaute, wird trotz einer unterhaltsamen, in der zweiten Hälfte zudem sehr politischen Verleihungs-Gala konstatieren müssen: Frank Ocean hat recht.

Was von den Grammys bleibt, ist stets die notarielle Beglaubigung, die Liste der Preisträger also. Und insofern ist die Tatsache, dass "24 K Magic" von Bruno Mars als bestes Album geehrt wurde, schlichtweg ignorant. Bruno Mars ist ein genialer Entertainer und vielleicht der beste Solo-Performer dieser Tage. Der 32-Jährige aus Hawaii verrührt Soul, Funk, Electro und die Posen des HipHop zu einem unwiderstehlichen Gebräu. Es geht völlig in Ordnung, dass sein weltverbindender Hit "That's What I Like" als Song des Jahres geehrt wurde. Aber Mars schöpft aus der Tradition, er erschafft nicht neu. Deshalb hätte der Sieger beim besten Album "Damn" von Kendrick Lamar sein müssen.

Lamar ist der beste Rapper der Welt, seine Platte ein politischer Leitartikel über unsere Gesellschaft. Der 30-Jährige ist radikal, ein Original-Genie, außerdem war HipHop 2017 in den USA in Marktanteilen gerechnet erstmals populärer als Rock und Pop. Lamar lieferte das Album zur Zeit, aber es nützte nichts. Erst zweimal gewannen HipHop-Alben in der Königskategorie: 1999 "The Miseducation" von Lauryn Hill und 2004 "Speakerboxxx/The Love Below" von Outkast.

Die Grammys werden nicht nach Verkaufszahlen vergeben, es entscheidet eine Jury aus Angehörigen der Musikindustrie. Bruno Mars holte am Ende sechs Preise, Kendrick Lamar gewann zwar fünf Grammys, allerdings durchweg in unbedeutenden Kategorien. Erwähnenswert ist noch der Sieg von Kraftwerk in der Kategorie Electronic-Album mit "3D - The Catalogue". Übrigens vier Jahre nach dem Grammy für ihr Lebenswerk.

Bemerkenswerter war die Show an sich. Viele Künstlerinnen trugen eine weiße Rose als Symbol gegen die Diskriminierung von Frauen, die sich etwa in der niedrigen Zahl der weiblichen Nominierten spiegelte. Lorde, die einzige Frau, die ins Rennen ums Album des Jahres gehen durfte und als einzige Kandidatin nicht gefragt wurde, ob sie live auftreten wolle, hatte sich einen Zettel ans Kleid genäht. Darauf war ein Zitat der Künstlerin Jenny Holzer zu lesen: "Unsere Zeiten sind inakzeptabel. Seid mutig, denn das Schlimmste ist der Vorbote des Besten". Hillary Clinton und andere Prominente lasen betont spöttisch Zitate aus dem Anti-Trump-Buch "Fire & Fury" von Michael Wolff vor, was arg platt anmutete. Berührend war indes der emotionale Auftritt der Sängerin Kesha, die ihren Produzenten wegen sexueller Belästigung verklagt hatte. Sie wurde von ihrer Kollegin Janelle Monaé so angekündigt: "Wir kommen in Frieden. Aber wir meinen es ernst."

Dieser Moment enthielt mehr Gegenwart als alle Preise zusammen.

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(hols)