Berlin: Goldener Bär geht nach Rumänien

Berlin : Goldener Bär geht nach Rumänien

Zum Ende der Berlinale wird Kritik laut: Der Jahrgang war nur Mittelmaß.

Die Berlinale macht es einem nicht leicht, das dürfte auch die Internationale Jury unter Vorsitz des Regisseurs Wong Kar Wai gemerkt haben. Sie hatte unter den 19 halb gelungenen Produktionen des Wettbewerbs jene auszusuchen, die den Goldenen Bären verdient. Die Jury entschied sich für das rumänische Drama "Child's Pose". Es porträtiert in wackeligen Handkamera-Bildern eine Mutter aus der neureichen Oberschicht; sie kämpft im Pelzmantel um ihren Sohn, der bei einem Autounfall ein Kind tötete.

Der Film von Calin Peter Netzer gehört immerhin zu den Höhepunkten eines armseligen Jahrgangs. An der Kinokasse wird er indes keine Chance haben, man wird ihn demnächst im Spätprogramm von Arte oder 3sat sehen. Dasselbe Schicksal dürfte der bosnischen "Episode aus dem Leben eines Eisensammlers" bevorstehen, deren Hauptdarsteller Nazif Mujic den Silbernen Bären bekam. Einzig "Gloria", die silbergraue Initiationsgeschichte einer geschiedenen Frau auf der Suche nach einem Neuanfang, hat das Zeug, ein größeres Arthaus-Publikum zu gewinnen.

Paulina Garcia aus Chile spielt die Titelrolle so mitreißend, dass sie ebenfalls einen Silbernen Bären zugesprochen bekam. Man darf der Berlinale nicht vorwerfen, dass sie Arbeiten auszeichnet, die es schwer haben, eine Zuschauerschaft zu finden. Was gut ist, muss nicht populär sein, und das Abwegige und Irritierende zu prämieren, könnte im Gegenteil sogar von Mut zeugen. Doch sei erwähnt, das der letzte maßgebliche Berlinale-Sieger, über den man heute noch spricht, "Gegen die Wand" von Fatih Akin war – vor beinahe zehn Jahren.

Was man hingegen nicht akzeptieren mag, ist die niedrige Qualität in der Königsdisziplin eines Festivals dieses Kalibers, des Wettbewerbs. Warum sind von 6000 eingereichten Filmen nur so wenige preiswürdig? Läuft da etwas bei der Vorauswahl schief? Oder gibt es schlichtweg keine befriedigenden Bewerber? Zwei Dinge mögen Dieter Kosslick und sein Team bedenken: Sollte man entweder das Profil des Wettbewerbs schärfen, also gar nicht erst um Hollywoods Stars buhlen und komplett auf ein im besten Sinne randständiges Kino setzten – eines, das dahin geht, wo es weh tut, Wirklichkeit abbildet, die die meisten von uns nicht kennen, die aber da ist und die zu beachten Not tut? Oder, wenn es auch da nicht genügend bewegende Produktionen gibt, sollte man vielleicht den Wettbewerb abschaffen nach dem Vorbild Torontos? Auch das Festival dort begreift sich in erster Linie als Publikumsveranstaltung, deshalb wird am Ende ein "People's Choice Award" vergeben.

Toronto kann nicht mit Cannes konkurrieren, ist aber erfolgreich. Und möglicherweise ein Vorbild.

(RP)
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