Gespräch über den Architekten Bernhard Pfau

Interview Julius Niederwöhrmeier : „Das Schauspielhaus war ein Geniestreich“

Am 16. Januar wird das Schauspielhaus 50 Jahre alt. Architekturprofessor Julius Niederwöhrmeier hat sich mit dem Lebenswerk des Erbauers beschäftigt: Bernhard Pfau.

Mit seiner geschwungenen, weißen Fassade ist das Schauspielhaus von Bernhard Pfau zur Architekturikone geworden. Über das gesamte Schaffen des Düsseldorfer Architekten hat Julius Niederwöhrmeier ein Buch geschrieben. Er lehrt an der Hochschule Mainz, also an jener Institution, an deren Vorgänger, der Kunstgewerbeschule, Pfau in den 1910er Jahren studiert hat. Das Jubiläum des bemerkenswerten Theaterbaus würdigen wir in den kommenden Wochen mit einer Serie von Beiträgen.

Wofür steht das Werk des Architekten Bernhard Pfau?

Niederwöhrmeier Er vertrat eine gemäßigte Moderne, empfand eine gewisse Distanz zum Bauhaus. Pfau hatte in den 1920er Jahren in Wien bei Architekten wie Josef Frank und Josef Hoffmann gearbeitet, die etwa bei Sitzmöbeln auf Handwerklichkeit und Formenreichtum setzten. Ihre Möbel waren Unikate und durften gemütlich sein. Das stand im Gegensatz zur Maschinenästhetik und dem seriellen Denken des Bauhauses. Allerdings hat sich Pfau dann in den 30er und 40er Jahren zu einem moderneren Architekten weiterentwickelt, was sicher auch damit zu tun hatte, dass er während der Zeit des Nationalsozialismus unter anderem Flugzeugwerke gebaut hat. Da kam er mit Merkmalen wie Rationalisierung, Effizienz, Transparenz und Funktionalität in Berührung.

Welche Spuren hat das in seinem Werk hinterlassen?

Niederwöhrmeier Es gab sicher bei Pfau nach dem Zweiten Weltkrieg einen Befreiungswunsch. Er hatte sich zuvor in Frankreich mit Tarnung befassen müssen, Militärbauten durften nicht auffallen. Nach dem Krieg konnte er auf gute Kontakte zur Glasindustrie zurückgreifen und bekam den Auftrag, die neue Verwaltungszentrale in Düsseldorf zu bauen. Das gab ihm die Gelegenheit, sich mit dem Werkstoff Glas auseinanderzusetzen und sich mit einem transparenten Bau als Vertreter der Moderne zu präsentieren.

Und damit ein Zeichen zu setzen gegen die Nazi-Ästhetik und deren übriggebliebene Vertreter, die in Düsseldorf noch arbeiteten?

Niederwöhrmeier Sie spielen an auf den Düsseldorfer Architektenstreit. Es gab damals konservative Kräfte in der Stadtplanung, die weiter massiv und schwer, mit deutlichen Achsen, Würde- und Repräsentationsformeln arbeiteten. Davon wollten sich Pfau und die Mitglieder des „Düsseldorfer Architektenrings“ abgrenzen und ein Gegenbild aufbauen. Damit war natürlich auch eine politische Haltung verbunden. Für die jungen Architekten der Nachkriegszeit war Pfaus lichtes „Haus der Glasindustrie“ eine Verheißung auf eine bessere Zukunft: Glas statt steinerner Schwere, Asymmetrie statt Achsialität, schlanke Stützen statt massiver Säulen. Entmaterialisierung war sein Thema.

Aber in Düsseldorf kam diese moderne Sichtweise zunächst nicht an.

Niederwöhrmeier Ja, das war ein langer Kampf. Aber Pfau hatte Kontakte zu Bauherrn, die ihn seine modernen Projekte umsetzen ließen, etwa die großartige Textilingenieurschule in Krefeld. Seine Werkliste umfasst immerhin 210 Projekte.

Wie passt das Düsseldorfer Schauspielhaus in diese Werkreihe?

Niederwöhrmeier Das Schauspielhaus war ein Geniestreich. Damit hat er das Preisgericht überrascht. Niemand hätte damals vermutet, dass ausgerechnet Pfau hinter dem gekurvten Entwurf steckte. Dabei war er typisch für Pfaus Architekturhaltung: Er hat für jedes Projekt die ideale Architektursprache entwickelt – aus den Anforderungen heraus. Es ging ihm nicht um die Wiedererkennbarkeit seiner Handschrift, sondern um die Funktionalität und den äußeren Kontext jedes einzelnen Gebäudes. Mit dem Schauspielhaus hat er einen Gegenentwurf zum Dreischeibenhaus geschaffen. Pfau hat mal gesagt, der größtmögliche Gegensatz zum Thyssen-Hochhaus wäre eine Kugel gewesen. Das ließ sich als Theater nicht realisieren, deswegen hat er die Kugel weiterentwickelt zu dieser wirklich genialen freigekurvten Skulptur, die das Düsseldorfer Schauspielhaus heute ist.

Er hat sich lange mit den technischen Anforderungen an ein Theater beschäftigt.

Niederwöhrmeier Ja, er hat sich tief in die Theaterbaugeschichte hineingekniet und ein Haus entworfen, dessen Bühnen im Großen und im Kleinen Haus auf einer Achse liegen. Damals hieß es, Schauspieler könnten parallel in zwei Stücken spielen, weil die Wege so kurz sind. Vor allem ging es ihm aber um den Kontrast zum Dreischeibenhaus: Kurve gegen Gerade, matte Oberfläche gegen Glas, die weiße liegende Form gegen das dunkle Aufragende des Hochhauses. Pfaus Schauspielhaus ist eine architektonische Antithese.

Mit einem demokratischen Zuschauerraum, der früher 1000 Plätze enthielt – ohne Ränge.

Niederwöhrmeier Ja, das war sein Bekenntnis zur Demokratie.

Die Theatermacher mussten aber fortan mit der Größe dieses Raums ringen.

Niederwöhrmeier Pfau hat mit einem arrivierten Akustiker zusammengearbeitet. Es hieß damals, die Akustik würde noch die Atempause der Schauspieler hörbar machen. Vielleicht waren die Leute empfindsamer und zugleich stiller als heute.

Doch obwohl das Haus im Geiste der Demokratie gebaut worden war, gab es bei der Eröffnung Proteste – unter anderem von Studenten.

Niederwöhrmeier Dabei ging es aber eigentlich nicht um die Architektur, sondern auch um den Widerstand gegenüber vermeintlich elitärer Kultur. In meinen Gesprächen mit Pfau hat er sich dazu nie geäußert.

Würden Sie sagen, dass das Schauspielhaus Bernhard Pfaus Meisterwerk ist?

Niederwöhrmeier Ja. Es wurde international breit beachtet, hat andere Künstler inspiriert, eine Softwarefirma bietet die Silhouette als Bildschirmschoner an, das ist bezeichnend. Die Originalität der Form ist wirklich von großer Qualität.

Haben Sie einen Lieblingsstandort im Umfeld des Theaters, von dem aus Sie das Schauspielhaus betrachten?

Niederwöhrmeier Den gibt’s leider nicht mehr. Das war der Tausendfüßler. Wenn man acht Meter über dem Platzniveau am Theater vorbeifuhr, konnte man es wunderbar von allen Seiten betrachten. Eine gute Plastik erkennt man ja daran, dass sie allansichtig ist, also keine bevorzugte Perspektive hat. Das ist ein Merkmal des Schauspielhauses: Es ist aus jeder Perspektive grandios.