Gespräch mit Demis Volpi über die Zukunft des Ballett am Rhein

Nachfolger von Martin Schläpfer im Interview : „Ich erzähle gern Geschichten“

Demis Volpi (33) tritt im Sommer 2020 die Nachfolge von Martin Schläpfer als Chef des Ballett am Rhein an. Schon jetzt ist er regelmäßig in der Stadt.

Was tun Sie gerade, um ihre künftige Compagnie  zu formen?

Volpi Es ist nicht meine Compagnie! Das Ballett am Rhein gibt es schon seit über 60 Jahren, die Compagnie steht für sich - mit mir oder ohne mich. Ich hoffe aber, dass ich der Fackelträger sein werde und  einen künstlerischen Weg weisen kann.  

Aber mit einem Wechsel des Ballettdirektors gibt es auch Wechsel bei den Tänzern. Was zeichnet einen Volpi-Tänzer aus?

Volpi (lacht) Tänzer müssen neugierig sein.  Technisch sind viele  heute auf sehr hohem Niveau, aber es kommt auch darauf an, dass ein Tänzer versteht, was ein Choreograf ausdrücken will und das mit Freiheit und Spontaneität auf der Bühne wiedergeben kann. Dazu muss ein Tänzer hohe künstlerische Intelligenz mitbringen.

Sie erwarten also auch, dass sich ihre Tänzer inhaltlich, etwa durch Sekundärliteratur auf die Stücke vorbereiten?

Volpi Selbstverständlich. Aber wir möchten das auch unterstützen. Ich möchte einen zweiten Dramaturgen bekommen, der den ganzen Tag im Balletthaus ist und wie ein Poltergeist durch die Gänge wirbelt, den Tänzern auch mal einen Film zeigt und mit ihnen über die Stücke spricht.

Wollen Sie das Balletthaus, das bisher nur ein Probenzentrum ist, auch als  öffentliche Spielstätte nutzen?

Volpi Ja, ich möchte, dass das Balletthaus so bekannt wird, dass die Stadt  Düsseldorf die Bushaltestelle vor der Tür „Balletthaus“ nennt! Das Gebäude ist ein Monument für den Tanz, ein tolles Zuhause. Wir möchten  die Tanzvermittlung stärken, möchten mehr mit Schulen oder Altersheimen zusammenarbeiten, da sammeln wir gerade Ideen, und das Balletthaus dafür nutzen - ich hab  etwa die Idee, dort ein oder zweimal im Monat Ballettfilme zu zeigen. Es gibt so tolle Tanzfilme!

Werden Sie weiter Gast-Choreographen einladen?

Volpi Ja. Eine Institution wie das Ballett am Rhein muss den Tanz voranbringen, das geht nur durch die Begegnung mit unterschiedlichen choreografischen Sprachen.

Es wird also weiter geteilte Abende geben?

Volpi Es wird eine Mischung geben. Geteilte Abende bieten eine große Vielfalt. Allerdings werde ich versuchen, mit den Dramaturgen stärkere Rahmen zu setzen, damit klar wird, was die Stücke verbindet. Das kann auch Anlass sein, mit dem Publikum über den abstrakten Tanz ins Gespräch zu kommen.

Sie haben schon Literatur in Tanz übersetzt, etwa „Krabat“ oder „Tod in Venedig“. Werden Sie auch klassische Handlungsballette zeigen?

Volpi  Das Wort „Handlungsballett“ finde ich schwierig, denn auch abstrakte Arbeiten können  ein Narrativ haben. Ja, ich möchte weiter Literatur auf die Bühne bringen, ich möchte auch klassische Stoffe neu interpretieren wie es Schläpfer mit „Schwanensee“ gemacht hat - natürlich würde ich das aber auf meine eigene Art und Weise angehen. Das Repertoire aus der heutigen Zeit neu zu betrachten, ist eine wichtige Aufgabe. Ich erzähle in meinen  Arbeiten gern Geschichten, denn dann arbeitet man anders an den Figuren, versucht sie plastisch und lebendig zu machen. Aber für mich zählt vor allem, ob ein Stoff relevant ist.

Planen Sie auch Zusammenarbeit mit anderen Häusern in der Stadt?

Volpi Ja, ich hatte schon ein paar spannende Begegnungen und wahrscheinlich wird es schon in der ersten Spielzeit zwei Koproduktionen mit anderen Häusern geben.

Mit welchen?

Volpi Das verrate ich noch nicht. Aber beide  Begegnungen werden ungewöhnlich sein. Auch die freie Szene interessiert mich.

Werden Sie neue Medien einsetzen? Martin Schläpfer ist da ja eher zurückhaltend.

 Volpi Neue Medien sind ein wichtiges Thema. Es gibt Künstler, die sich sehr stark damit auseinandersetzen, und ich könnte mir vorstellen mit solchen Künstlern zusammenarbeiten. Ich selbst habe mich allerdings noch nicht daran gewagt und auch keine Notwendigkeit dafür gesehen. Meine Arbeit ist im klassischen Sinne eine Guck-Kasten-Arbeit, die ich am Modell entwerfe. Neue Medien muss man meistern können. Einfach ein Video auf die Bühne zu bringen, weil man modern sein möchte, finde ich zu wenig.  

 Zum Thema Technik passt der Begriff „urbanes Lebensgefühl“, der derzeit oft bemüht wird, um den modernen Menschen zu beschreiben. Interessiert Sie das als Choreograph?

Volpi Ich denke nicht, dass die Sprache des Balletts identisch sein muss mit dem, was die Menschen in der Stadt erleben. Das Theater ermöglicht es uns vielmehr, sich Themen aus einer anderen Richtung zu nähern. „Krabat“ ist dafür ein gutes Beispiel. Vordergründig ist das Werk ein Jugendroman, tatsächlich aber geht es um den Holocaust und um eine Jugend, die singend in den Krieg gezogen ist. Als ich die Geschichte vor sieben Jahren in Tanz übersetzt habe, wurde ich gefragt, warum das relevant sei? Wenn ich mir heute die politischen Entwicklungen anschaue, weiß ich, dass es ein wichtiges Stück ist, denn es bringt junge Menschen auf andere Weise zum Nachdenken über Macht und Freiheit.

 Wird es künftig für Kinder und Jugendliche ein eigenes Programm geben?

Volpi Ja. Der Bereich interessiert mich. Ich habe mehrere Stücke für junge Menschen gemacht. In Stuttgart, in Mexiko und in Belgien, und das möchte ich in Düsseldorf sehr gerne fortsetzen.

 Sie waren 16 Jahre in Stuttgart – als Schüler, Tänzer, Choreograph. Was hat Sie geprägt?

Volpi Als Tänzer haben mich die Handlungsballette von John Cranko geprägt und gerade da die Frage danach, wie mit Figuren umzugehen ist? Wie kann man sich von den pantomimischen Versuchen, jemanden darzustellen, trennen und trotzdem eine konkrete Handlung erzählen? Dankbar war ich der Stuttgarter Direktion für ihre Offenheit. Man hat mir den Raum gewährt, den ich brauchte, um mich anders zu entwickeln als ein klassische Tänzer, der  die Hierarchie hochklettern möchte. Ich wollte Stücke machen und das hat man mir ermöglicht.

 Wobei erholen Sie sich?

Volpi Ich werde mir in diesem Sommer zum ersten Mal seit vielen Jahren zwei Wochen Ferien gönnen. Ich habe  noch vier Produktionen vor mir, bevor ich nach Düsseldorf komme. Wo ich die freie Zeit verbringe, weiß ich noch nicht. Ich werde meine Familie sehen, aber auch für ein paar Tage verschwinden. Ohne Handy. Ich war ein paar Mal auf Sylt und mag es dort.

 Manche Choreographen laden sich im Museum auf, hören Musik, lesen, gehen in die Natur. Zu welchem Typus gehören Sie?

Volpi Ich gehe gerne. Ich habe auch gerne Besprechungen im Gehen, weil man dann besser miteinander reden kann. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würden wir auch dieses Interview im Gehen führen.

Manche tanzen zur Entspannung...

Volpi Ich tanze nicht mehr. Mit vier habe ich begonnen, Ballett war mein Leben, ich habe Tanzen geliebt. Aber als ich mit 24 Jahren entschieden habe aufzuhören, war das endgültig. Manchmal mache ich in der Küche ein paar Übungen, mehr nicht.

 Das hat Martin Schläpfer auch gesagt und plötzlich stand er wieder auf der Bühne.

Volpi Das höre ich oft! (lacht) Aber für mich kommt das nicht in Frage. Ich stand nie gerne auf der Bühne. Das war immer mit Angst verbunden. Auch Premieren sind nicht meine liebsten Termine, weil man als Choreograph etwas zeigt, woran man lange gearbeitet hat und sich jeder darüber eine Meinung bildet. Das ist in Ordnung, aber das Stück gehört einem nicht mehr. Man gibt etwas fort.

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