Gerhard Richter wird 80

Gerhard Richter wird 80

Der Kölner Künstler feiert am Donnerstag seinen Geburtstag im Familienkreis. Nach wie vor arbeitet er täglich im Atelier. Staunend und zugleich kopfschüttelnd verfolgt er, wie seine Bilder auf internationalen Auktionen Rekordpreise erzielen. Er selbst hält sich von Rummel fern.

Köln Gerhard Richter ist der vermutlich bekannteste lebende Künstler der Welt, doch sonnt er sich nicht in seinem Ruhm. Sobald er Kameras und Mikrofone entdeckt, wird er meist wortkarg. Nie hat man ihn in einer Talkshow gesehen. Das hat ihm den Ruf eingetragen, er gehe den Menschen aus dem Weg, igle sich in seinem Atelier ein. Dabei lässt er sich regelmäßig auf Vernissagen blicken und pflegt eine Fülle privater Verbindungen. Alle, die ihn einmal kennengelernt haben, schwärmen davon, wie uneitel, ja bescheiden und herzlich er seinen Mitmenschen begegnet.

Allerdings gilt für ihn wie für alle anderen Erfolgreichen ein Spruch, den in seiner Wahlheimat Köln jeder herzusagen weiß: Von nix kütt nix. Kunst ist harte Arbeit, und stünde Richter nicht Tag für Tag im Atelier, böte seine Kunst wahrscheinlich nicht Gesprächsstoff für Millionen.

Als wir einmal einen Termin mit Richter vereinbarten, gab er zu erkennen, dass er bereits ab acht Uhr morgens zur Verfügung stehe. So früh steht auf, wer viel vorhat. Sein helles, weißwandiges Atelier neben seinem Wohnhaus in Köln-Hahnwald besteht aus einer Folge von offenen Werkstatträumen, die in ein Büro münden. In diesem Reich wirken neben Richter erfahrene Assistenten, die ihm beim Malen zur Hand gehen, und eine nicht minder umsichtige Geschäftsführerin. Nachmittags fährt Richter dann meistens in sein zweites Atelier in der Kölner Innenstadt, wo er zum Beispiel anhand von Modellen Ausstellungen seiner Werke entwirft.

In einem Kinofilm konnte man kürzlich Richter nicht nur beim Malen beobachten, sondern ihn auch in seinem Alltag erleben zwischen Autofahrt durch Köln und Anweisungen zur Errichtung einer Ausstellungsarchitektur im Museum Ludwig. Es wird ihn viel Überwindung gekostet haben, bis er sich für den Film öffnete.

Warum ist Gerhard Richter so bedeutend, warum erzielte etwa eines seiner Bilder mit dem Titel "Kerze" in einer Versteigerung bei Christie's fast zwölf Millionen Euro? Die Antwort darauf kann nur lauten: nicht weil die schlichte Abbildung einer Kerze so viel wert wäre, sondern weil dieses Bild Teil des Lebenswerks eines Künstlers ist, der sich als vielschichtiger Chronist des zwanzigsten Jahrhunderts erwiesen hat. Seine Themen erstrecken sich vom "Dritten Reich" (Gemälde "Familie am Meer") über die Frage, wie wir Wirklichkeit wahrnehmen ("verwackelte" Bilder), und den linken Terrorismus der 1970er Jahre (RAF-Zyklus) bis zur Überlegung, ob unserem Leben Zufall oder Vorsehung zugrunde liegt (Pixel-Fenster des Kölner Doms). Neben den Themen ist auch Richters Formensprache so vielgestaltig, dass man kaum glauben mag, ein einziger Künstler habe all das zustande gebracht: schwarzweiße Gemälde auf der Grundlage von Fotografien und ungegenständliche Farbkompositionen, Installationen und Wolkenbilder.

Die Bedeutung des Richterschen Lebenswerks gründet sich ebenso darauf, dass seine Biografie eng mit beiden vormaligen Teilen Deutschlands verbunden ist. In Dresden geboren, studierte er zunächst an der dortigen Kunsthochschule, schuf Wandgemälde für die DDR – und verließ kurz vor dem Bau der Berliner Mauer den Osten in Richtung Düsseldorf, wo er an der Akademie erneut zum Studenten wurde und sich nun einer freien Kunst verschrieb. Ein hartes Leben für einen, der sich noch keinen Namen gemacht hatte und zunächst eher durch Aktionen als durch Kunstwerke Aufsehen erregte.

Aus dem einstigen unbekannten Avantgardisten ist längst ein Vielgeehrter geworden, einer, dessen Kunst zum gefragten Exportartikel geworden ist. Am Sonntag beginnt in der Neuen Nationalgalerie Berlin eine Ausstellung, die den Besuchern einen Überblick über Gerhard Richters Lebenswerk bietet: "Panorama", eine Schau mit 150 Gemälden und einer Version seiner ungegenständlichen Arbeit "4900 Farben", die über 200 Meter die gesamte Ausstellung umrahmt. Auch Richter will kommen – sogar schon zur Pressekonferenz.

(RP)
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