Gegenwart im Schauspiel: Wandel des politischen Theaters

Gegenwart im Schauspiel: Politik auf der Bühne

In Zeiten von Populismus und globaler Krisen entwickelt das Theater neue Spielarten, um auf die Gegenwart zu reagieren. 

Gerade hat Dresden „Das blaue Wunder“ erlebt: Regisseur Volker Lösch schickt seine Schauspieler in dieser Inszenierung als Rechtspopulisten mit blauen Mänteln im Wehrmachts-Stil auf die Bühne. Auf dem Stahlskelett eines Schiffes schippern sie volle Kraft nach rechts und zwingen die Besatzung schließlich in eine brutale Diktatur. Für den Text hat das Team um Lösch sich in Schriften der AfD bedient. Eine drastische Groteske mit deutlicher Botschaft im Jahr der Landtagswahl, das sorgte für Aufregung schon im Vorfeld. Aus der betroffenen Partei gab es nach der Premiere einen Eintrag auf der Facebook-Seite des Theaters, die Bühne müsse sich nicht wundern, wenn Förderung für „derlei Kultur“ in Frage gestellt werde.

Politisches Theater kann in die Wirklichkeit hineinwirken, kann Zuschauer und Öffentlichkeit zur Positionierung zwingen und herauskitzeln, wo reale politische Akteure stehen, wie sie es mit der Freiheit von Kunst und Meinung tatsächlich halten. Allerdings kann Polarisierungstheater die Gräben auch vertiefen. Dann wird meist über Ästhetik und die Grenzen der Kunstfreiheit gestritten, nicht aber über die schwelenden Konflikte, die etwa zur Gründung populistischer Parteien führen.

Jedenfalls spitzt sich etwas zu in der deutschen Gesellschaft, und die Bühnen reagieren. Das engagierte, politische Theater ist zurück, und es zeigt viele Spielformen. Wenn etwa in Düsseldorf die viel gerühmte amerikanische Off-Truppe „Nature Theatre of Oklahoma“ ein „aufklärerisches Handlungsballett“ vorführt, in dem die Darsteller sich bis zur Erschöpfung an Donald Trump abarbeiten, dann ist das nicht nur eine Persiflage auf Politik. Es geht auch um die Zumutung des Darstellens an sich, um das ständige Performen, gute Figur machen, Selbstdarstellen, das heute von vielen Menschen verlangt wird. Kräfte zehrend müssen die Darsteller des Nature Theatre spielen, tanzen, sich entblößen, es fließt echter Schweiß. Ähnlich in der jüngsten Inszenierung von Richard Siegal am Schauspiel Köln. Auch in „Roughhouse“ zeigen Schauspieler und Tänzer gemeinsam, wie das Performen an die Substanz geht. Wie es dem Einzelnen auch die Sprache verschlägt. Der Zuschauer begegnet in solchen Inszenierungen einem Ebenbild, das, wie er selbst, zu ständiger Anpassung gezwungen ist, gute Miene machen soll, Körper wie Sprache verbiegt und ausgelaugt zurückbleibt. Solche Inszenierungen sind anstrengend, aber sie machen abstrakte Entfremdungsprozesse sichtbar.

„Politisches Theater fördert heute über sinnliches Erleben Erkenntnis zu Tage“, sagt Olaf Kröck, der neue Intendant der Ruhrfestspiele, der sein erstes Programm „Poesie und Politik“ überschrieben hat. Zwischen diesen Polen schwingt aktuelles politisches Theater. Selbst höchst bedrohliche Entwicklungen wie den Klimawandel begriffen wir nicht mehr, so Kröck, darum würden sie geleugnet und verdrängt, obwohl dringender Handlungsbedarf bestehe. „Das Theater kann solche Prozesse in Bilder verwandeln und an Schmerzpunkte führen, die dem Zuschauer echte Erfahrung vermitteln“, so Kröck. Dabei gehe es nicht nur darum, dass vor linksliberalem Publikum rechtes Denken angeprangert werde. „Gutes politisches Theater zwingt jeden Zuschauer zu kritischer Selbstbefragung: Wie tolerant bin ich wirklich? Wo verfalle ich in Stereotypen? Wann denke ich rassistisch?“, sagt Kröck. Wenn etwa Hermann Schmidt-Rahmer in „Die Schutzbefohlenen“ von Elfriede Jelinek Styropor-Figuren regnen lässt, bis die Darsteller diese Puppen-Menschen wegschaufeln müssen, wecke das Empfindungen – egal, wo man sich ideologisch einordnet.

Theater ist aber nicht nur politisch, wenn es aktuelle Themen aufgreift, sich mit der neuen Rechten auseinandersetzt oder Missstände vorführt wie schon Gerhart Hauptmann die Armut oder Brecht die Ausbeutung. Allein dadurch, dass Theater live, von Mensch zu Mensch, geschieht, stellt es Fragen an das Leben in der digitalen Moderne. Der Zuschauer muss das Handy ausstellen, kann nicht wegzappen, muss sich ohne Ablenkung auf ein Geschehen einlassen, den Gedanken eines anderen folgen. Das Publikum tritt also aus all den Zerstreuungsangeboten seiner Wirklichkeit in einen konzentrierten Raum, in dem es individuelle Geschichten erlebt, womöglich überhaupt wieder Menschen wahrnimmt, wo sonst nur noch von Stereotypen wie „den Fremden“ oder „den Homosexuellen“ die Rede ist.

In seinem Buch „Disconnected“, das auf einer Vorlesungsreihe beruht, führt der Hamburger Theatermacher Falk Richter neben all diesen Aspekten aus, wie er mit seinem Theater versucht, Zutrauen in kulturelle Vielfalt zu stärken und den Bedrohungsjargon der Populisten zu entlarven. Auch Richter führt bisweilen in drastischen Bildern aktuelle Formen von Hass, Gewalt, Ausgrenzung vor Augen und hat harte Auseinandersetzungen etwa mit AfD-Vertreterinnen hinter sich. Doch wird er nicht müde, Vielfalt als lebendigen Reichtum zu inszenieren wie gerade in „I am Europe“. Da sprechen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen über Gerechtigkeit, Identität, politisches Engagement, bringen ihre Hoffnungen und Zweifel zur Sprache.

Solche Art von politischem Theater fragt nach den Bedrängnissen und Ängsten in der modernen Welt und inszeniert neue Formen des Miteinanders, die ohne Ab- und Ausgrenzung funktionieren - Utopien für die Gegenwart.

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