Düsseldorf: Gedenken an Paul Mikat: Blick für den Kern der Dinge

Düsseldorf: Gedenken an Paul Mikat: Blick für den Kern der Dinge

Der frühere Kultusminister, bekannte Wissenschaftler und langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete Paul Mikat starb am Samstag, 24. September, im Alter von 86 Jahren.

Er gehört zu den Persönlichkeiten des Landes Nordrhein-Westfalen, die die deutsche Nachkriegsgeschichte mitgeprägt haben.

Der am 10. Dezember 1924 in Scherfede (Westfalen) Gebürtige ging nach seiner Gymnasialzeit in Essen bei der Gussstahlfabrik Friedrich Krupp in die Lehre. Dem Studium der Katholischen Theologie, Philologie und Rechtswissenschaften folgten die Promotion und Habilitation. Seit 1957 war Mikat Professor der Rechte. Hauptarbeitsgebiete: Bürgerliches Recht, Rechtsgeschichte, Staatskirchenrecht. Er war Mitglied der Rheinisch-Westfälischen und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Ehrensenator der Universitäten Düsseldorf und Bielefeld, Träger hoher in- und ausländischer Auszeichnungen, Präsident der Görres-Gesellschaft sowie Ehrenbürger des Ruhrgebiets. Er erhielt den Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen.

Seine Arbeiten sind Entscheidungshilfen für viele, die in Wissenschaft und Politik Verantwortung tragen.

Mikats Gespür für politische Notwendigkeiten, sein persönlicher Bezug zu kulturellen Werten und seine Gabe, die großen und kleinen Vorgänge in Politik und Wirtschaft zu sehen und zu deuten, machten ihn zu einem anerkannten Mitgestalter. Sein klares, den Kern der Dinge erfassendes Denken und Handeln war für seine Partner gleich wertvoll. In Erinnerung sind seine großen Reden im Deutschen Bundestag zum Ehe- und Familienrecht. Dabei bestach Mikat nicht nur durch seine treffsicheren Darstellungen, sondern auch durch ausgeprägten Humor, mit dem er die Debatten bereicherte. So verglich er Neuerungen im Mietrecht mit Veränderungen im Eherecht und stellte verblüffende Bezüge her. Kurzform: "Ehe kündbar – Miete unkündbar". Vielzitiert ist seine Definition der Liebesheirat: "Auch wer aus Liebe zum Geld heiratet, heiratet aus Liebe."

Große Sachkenntnis

Viele Entscheidungen der Politik in der Bundesrepublik hat er beeinflusst. Das persönliche Erkennungszeichen des langjährigen Justitiars der CDU/CSU-Fraktion (bis 1987) sind Sachkenntnis und Verlässlichkeit. Besonnen arbeitete er im Hintergrund, über Vorgänge und Personen konnte er – in der sonst so geschwätzigen Zeit – beharrlich schweigen. Gerade dann, wenn es Probleme gab, war er gefragt. So erstellte Mikat mit einer Expertenkommission im Auftrag von Ministerpräsident Rau ein Zukunftsprogramm für die strukturgeschwächten Regionen in Nordrhein-Westfalen. Er stand an der Spitze eines Gremiums, das Bundeskanzler Kohl beauftragt hatte, Modelle für die Zukunft der deutschen Kohle nach dem Auslaufen des Jahrhundertvertrages 1995 zu erarbeiten.

Ämter als solche waren ihm nie wichtig. Stets ging es ihm um die Aufgabenstellung, die reizvoll und von grundsätzlicher Bedeutung sein musste und seine Unabhängigkeit nicht beeinträchtigen durfte.

Zusammen mit Joseph Ratzinger war Mikat Berater des Kölner Kardinals Frings beim Zweiten Vatikanischen Konzil. Dagegen schlug er das Amt des Bundestagspräsidenten für sich ebenso aus wie das Angebot von Kanzler Erhard, ihn (1965) zum Bundesminister des Inneren zu machen. Bundesweit wurde der junge Kultusminister Mitte der 60er Jahre erstmals bekannt durch seine "Mikätzchen" – Aushilfskräfte für die Grundschule, mit denen er damals dem Lehrermangel an Rhein und Ruhr wirksam begegnete. Mit dem Mut zu unkonventionellen Maßnahmen hat er die bildungspolitischen Reformen in Nordrhein-Westfalen eingeleitet. Er plante und gründete neue Universitäten in Bochum, Düsseldorf, Bielefeld und Dortmund.

Mutiges Urteil

Auch in seiner Zeit als Abgeordneter in Bonn blieb er immer der Wissenschaftler, dem das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft bedeutsam war. Als von Bonner Politikern eine Diskussion angezettelt wurde, ob der Begriff "Gott" aus der Präambel des Grundgesetzes herausgenommen werden sollte, ging es um das Verhältnis Religion– Politik. Verfassungen sind nach Mikat, Autor des Doppelbandes "Religionsrechtliche Schriften", Produkte der historischen Stunde, in der sie entstanden sind. Dies sollte man nicht verleugnen. Gerade die Grundgesetz-Präambel mit dem Bezug auf Gott sei nach 1945 vor dem Hintergrund der historischen Erfahrungen Hitler-Deutschlands zu verstehen. Die Kirchen würden eine Streichung des Begriffs "Gott" ertragen. Aber was werde aus einer Gesellschaft, aus der das Religiöse verbannt wird, in der Fragen nach dem letzten Sinn nicht mehr gestellt werden? "Zahlten dann die Kirchen den Preis? Mitnichten, die Gesellschaft zahlte ihn." Entschieden plädierte Mikat dafür, dass die Kirchen unverkürzt und einsichtig ihre Standpunkte in den politischen Meinungsbildungsprozess einbrachten. Zweifel hegte er, ob die kirchlichen Meinungsäußerungen sich an dem Maßstab irdischer, politischer Attraktivität zu orientieren haben. Als Paulus seine christliche Verkündung in den kleinasiatischen Gemeinden vorgetragen habe, sei das nicht gerade attraktiv, ja für viele damals sogar ärgerlich gewesen. "Je mehr Kirche wieder Kirche und eine geistliche Größe wird, desto stärker wird ihr Weltdienst sein." Es gelte Paulus' Schlüsselwort, dass der eigentliche, der angestrebte Staat der Christen im Himmel liege. Die Rettung werde eben nicht aus dem Reich der Politik erwartet. Je mehr die religiösen Gemeinschaften deutlich machten, dass es etwas Unverfügbares, Unaustauschbares gibt, desto größer sei ihre Chance, auf die Welt der Politik Einfluss zu nehmen. Politik habe primär mit Macht zu tun. Gegenstand der Religion sei das Heilige, wovon die Menschen Heil erwarteten.

Mit mutigem Urteil setzte Mikat Maßstäbe. Wie kein anderer verband er Theorie und Praxis. Er gehört zu den großen Denkern des Landes. Seine Kraft schöpfte er aus dem Glauben, sein Halt und Ruhepunkt war die Familie.

Unsere Zeitung, der Paul Mikat über viele Jahre verbunden war, dankt ihm für klugen, zuverlässigen Rat. GOTTFRIED ARNOLD

(RP)
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