1. Kultur

Funk-Formate: Von Mailab bis Mordlust

Die Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen : Wissenschaft und Unfug in zehn spannenden „Funk“-Formaten

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten unterstützen mit „Funk“ junge Produzenten, die ihre Inhalte im Netz veröffentlichen. Inzwischen bietet das Netzwerk viele sehens- und hörenswerte Projekte.

Süße Katzen, verrückte Amateuraufnahmen und Videospiele – früher war das Internet eher ein Ort für seichte Unterhaltung. Gehaltvolles musste dagegen mit der virtuellen Lupe gesucht werden. Doch in den vergangenen Jahren hat sich der digitale Kosmos gewandelt. Das zeigen Youtube-Kanäle wie „Mailab“ deutlich. Die promovierte Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim eröffnet einen erfrischend anderen Blick auf die Wissenschaft. Für ihre unterhaltsame Aufklärungsarbeit zum Thema „Corona“ wurde sie sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Produziert wird „Mailab“ von „Funk“, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF. Content bedeutet Inhalt, und dessen Unabhängigkeit wird über die Finanzierung durch den Rundfunkbeitrag gewährleistet. Etwa 45 Millionen Euro stehen „Funk“ zur Verfügung, um digitale Formate aufzubauen, die jungen Produzenten zu unterstützen und sie zu beraten. Dank der strukturierten Förderung ist das Netzwerk inzwischen voller kreativer und innovativer Formate. Videokanäle, Social Media-Seiten und Podcasts gehören zur stetig wachsenden „Funk“-Familie und bedienen verschiedenste Sparten. Von komplexer Wissenschaft bis zu ausgelassenem Unfug ist hier alles dabei. Im Folgenden sollen zehn interessante „Funk“-Formate vorgestellt werden.

  • Mikrofone mit den Logos von ARD
    Wahlprogramm der Liberalen : FDP will ÖRR beschneiden und Rundfunkbeitrag senken
  • Ein Plakat verheißt Programm: Andrea Töpfer
    Ratinger Kultur im Fokus : Zwei Zauberworte: „Format“ und „Interaktion“
  • Schauspieler und Musiker Daniel Donskoy in
    „Freitagnacht Jews“ : Jüdische Late Night Show läuft bald regulär im Fernsehen

Mrwissen2go“
Was wäre, wenn der dritte Weltkrieg ausbricht? Wer ist eigentlich Kamala Harris? Was sich jetzt an Schulen ändern muss! – Journalist Mirko Drotschmann spricht auf seinem Youtube-Kanal über Politik, Gesellschaft und Zeitgeschehen. Er kann auf unaufgeregte und freundliche Weise Sachverhalte neutral und pointiert erklären, aber genauso scharfe Kommentare zu aktuellen Vorkommnissen abgegeben. Drotschmann arbeitet sich sorgfältig und strukturiert in die Themen ein. Die Videos von „Mrwissen2go“ sind entsprechend einfach zu verstehen, aber gehen inhaltlich in die Tiefe. So bietet der Journalist eine unkonventionelle, aber nicht weniger souveräne Alternative zu klassischen Nachrichtensendungen.

 MrWissen2Go heißt eigentlich Mirko Drotschmann. Tiefgehend beschäftigt er sich auf seinem Kanal mit verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Themen.
MrWissen2Go heißt eigentlich Mirko Drotschmann. Tiefgehend beschäftigt er sich auf seinem Kanal mit verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Themen. Foto: Stefan Daub/Funk

Browser Ballett“
Die kurzen Videos des „Browser Balletts“ sollten eigentlich gar nicht witzig sein, schließlich werden hier gnadenlos gesellschaftliche und politische Missstände gezeigt. Das Ganze ist jedoch so bissig und absurd inszeniert, dass man einfach lachen muss – und gleichzeitig mit dem Kopf schüttelt. Der Kanal zeigt eine Art überspitztes Spiegelbild unserer Realität, das schmerzlich präzise den Kern zeitaktueller Probleme offenlegt.  Auf bemerkenswerte Weise wird beim Zuschauer so ein Reflex des Reflektierens und im Idealfall auch der Selbsterkenntnis ausgelöst. Inzwischen sind die satirischen Sketche der Teams auch im Fernsehen zu sehen.

 Themen werden beim Browser Ballett bewusst zugespitzt. Hier etwa die Maskendebatte.
Themen werden beim Browser Ballett bewusst zugespitzt. Hier etwa die Maskendebatte. Foto: Funk

Leeroy will's wissen!“
Leeroy Matatas Videos zeichnen sich durch ihre Authentizität und die Empathie des jungen Moderators aus. Er begegnet Menschen, die das Schicksal hart getroffen hat, die auf ihre Art besonders sind, oder ein außergewöhnliches Leben führen. Matata geht immer offen und sympathisch auf seine Gesprächspartner zu, lässt sie in Ruhe ihre Geschichte erzählen und hakt bei Bedarf konsequent nach. Das Ergebnis sind spannende Portraits und Einblicke, die den eigenen Horizont erweitern und eher unbekannte Lebensrealitäten zeigen. „Leeroy will's wissen!“ lohnt sich.

 Leeroy Matata sitzt selbst seit früher Kindheit im Rollstuhl.
Leeroy Matata sitzt selbst seit früher Kindheit im Rollstuhl. Foto: Funk von ARD und ZDF/Lucas Coersten

Mailab“
Ein spezielles Fachgebiet hat Mai Thi Nguyen-Kim nicht. Die Doktorin arbeitet sich in alles ein, was sie gerade interessiert oder im aktuellen populärwissenschaftlichen Diskurs besonders hohe Wellen schlägt. Sie prüft die angebliche Erblichkeit von Homosexualität, stellt „7 kritische Fragen zur Impfung“ und scheut nie davor zurück, wissenschaftlichen Klartext zu reden – etwa wenn es um die Konsequenzen bei falschem Verhalten in der Corona-Pandemie geht. Nguyen-Kims grundsätzliche Begeisterung für die Wissenschaft ist dabei höchst ansteckend.  Bloße Behauptungen finden sich bei „Mailab“ nirgendwo, eine erfrischende Alternative zur so emotional aufgeladenen und häufig haltlosen Diskussionskultur im Internet. Die Youtuberin argumentiert lieber mit Forschungsergebnissen und Kausalitäten, wodurch die Videos bemerkenswert gehaltvoll sind, ohne jedoch zu überfordern. Abgerundet wird das Ganze durch eine gesunde Prise Humor.

 Von Gesundheitsthemen, über Drogen bis zu psychologischen Experimenten wird auf „Mailab“ vieles besprochen.
Von Gesundheitsthemen, über Drogen bis zu psychologischen Experimenten wird auf „Mailab“ vieles besprochen. Foto: Mai Thi Nguyen-Kim/Funk

Mordlust“
Menschliche Abgründe, Tragödien und der Tod sind das Tagesgeschäft von Laura Wohlers und Paulina Krasa. Bei ihrem Podcast „Mordlust“ sprechen sie über berühmte, skurrile und bisher unbekannte Kriminalfälle. Alles hier ist echt, nichts entspringt der Fantasie der beiden Journalistinnen. Trotzdem ist jede Folge packend wie ein Thriller: Das Geschehen wird dramatisch vor dem Hörer ausgebreitet und dabei detailliert erzählt – sorgfältige Recherche gehört hier zum guten Ton. Dadurch erfährt man nicht nur von hörenswerten Fällen, sondern es wird auch ein tieferer Einblick in die Welt von Rechtssystemen, Polizeiarbeit und Täteranalysen gewährt.

 Immer abwechselnd stellen die Moderatorinnen verschiedene Fälle vor und sprechen über die Geschehnisse.
Immer abwechselnd stellen die Moderatorinnen verschiedene Fälle vor und sprechen über die Geschehnisse. Foto: mordlust/Funk

Game Two“
Videospiele gehören für viele Menschen längst zum Alltag, und entsprechend wächst auch die Auswahl an Titeln ins Unübersichtliche. Gut, dass es „Game Two“ gibt, das die Zuschauer an die Hand nimmt. In der knapp 30-minütigen und wöchentlich erscheinenden Sendung werden Spiele nicht nur vorgestellt, sondern auch auf Herz und Nieren geprüft. Immer mit unterhaltsamen Einspielern aufgelockert, aber dennoch kritisch. Die Macher der Sendung haben bereits mit der Show „Game One“, die auf dem Fernsehsender MTV lief, videospieljournalistische Pionierarbeit geleistet.

 Viele Moderatoren von Game Two arbeiten schon seit Jahren zusammen.
Viele Moderatoren von Game Two arbeiten schon seit Jahren zusammen. Foto: Funk von ARD und ZDF/RocketbeansTV/RocketbeansTV

Coldmirror“
Die Welt von Kathrin Fricke ist ein verrückter Ort voller krakeliger Zeichnungen, popkultureller Verweise und anarchischer Geschichten. Das hört sich erstmal eher ungemütlich an, doch das Gegenteil ist der Fall: Wer hier einmal zu Gast war, will nicht wieder gehen. Frickes etwas schräge, aber entwaffnent herzliche, ehrliche und witzige Art ist ein direkter und kompromissloser Gegenentwurf zum Alltag. Zurückhaltung, Seriosität und Konformität sucht man bei „Coldmirror“ vergebens. Hier geht es um zwanglosen Spaß, um Chaos und um einige Minuten der Sorglosigkeit. Ein kurzer Urlaub fürs Gehirn, der einfach gut tut.

 Einen Kunstpreis werden die Zeichnungen von Coldmirror sicher nicht gewinnen, doch das müssen sie auch gar nicht.
Einen Kunstpreis werden die Zeichnungen von Coldmirror sicher nicht gewinnen, doch das müssen sie auch gar nicht. Foto: Funk/Kathrin Fricke/Kathrin Fricke

Mädelsabende“
Eine Woche, ein Thema. Das ist das Prinzip des Instagram-Kanals „Mädelsabende“. Jeweils ein Moderator oder eine Moderatorin leitet die Follower auf sehr persönliche Art und Weise durch die Tage. Sie klären auf, führen digitale Interviews und berichtet von eigenen Erfahrungen. Während sich das Format ursprünglich nur an Frauen richtete, werden inzwischen verschiedenste Themen aufgegriffen. Besonders hervorzuheben sind die Möglichkeit der Zuschauer, sich etwa durch Abstimmungen an den Themen zu beteiligen, und die ehrliche und sehr menschliche Auseinandersetzung mit den Inhalten. 

 Die Moderatoren von „Mädelsabende“ sind selten gemeinsam zu sehen, aber beziehen sich immer wieder gegenseitig in die Themenwochen mit ein.
Die Moderatoren von „Mädelsabende“ sind selten gemeinsam zu sehen, aber beziehen sich immer wieder gegenseitig in die Themenwochen mit ein. Foto: mädelsabende/Funk

Dinge erklärt – Kurzgesagt“
Der Youtube-Kanal „Dinge erklärt – Kurzgesagt“ zündet gerne ein visuelles Feuerwerk: Vom explodierenden Mond, über putzige Vögel, bis zu den Zellen im Körper gibt es hier viel zu sehen. Die Animationen sind liebevoll und kreativ gestaltet, und das Gleiche gilt für die Geschichten, die sie erzählen. Eine warme Stimme nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise voller wissenschaftlicher Fakten und Gedankenexperimente. Er erfährt auf dem Kanal, warum Blauwale keinen Tumor bekommen können, wie  Bergbau im Weltall funktionieren könnte und ob das bedingungslose Grundeinkommen eine gute Idee ist. Die Videos haben schon alleine wegen ihres charmanten Präsentationsstils ein gewisses Suchtpotential.

 Die Videos des Kanals haben ihren ganz eigenen eigentümlichen Grafikstil.
Die Videos des Kanals haben ihren ganz eigenen eigentümlichen Grafikstil. Foto: Funk von ARD und ZDF/Funk

Y-Kollektiv“
Bei dem Reportageformat ist der Zuschauer mittendrin und der Reporter immer direkt am Puls der Zeit. Oft geht es um die dunklen Seiten der virtuellen Welt, fragwürdige Trends, oder gesellschaftliche Bewegungen. In die Berichte wurde viel Mühe und Sorgfalt investiert. Oft gelingt es so, auch schwer zu findende Interviewpartner vor die Kamera zu holen. Auch bei anderen Reportageformaten von „Funk“ wie „reporter“ und „STRG_F“ werden professionell Probleme und Missstände aufgezeigt, die bisher kaum bekannt sind. Alleine deswegen lohnt es sich schon, Kanäle wie „Y-Kollektiv“ zu durchstöbern.