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Debatte um Lateinpflicht für Lehrer: Fünf Argumente, Latein zu lernen

Debatte um Lateinpflicht für Lehrer : Fünf Argumente, Latein zu lernen

Studenten, Gewerkschaft und Parteien stellen die Latinumspflicht für Lehrer infrage. Es gibt gute Gründe, das falsch zu finden.

Ablativus absolutus. Partizip Futur Aktiv. Mischdeklination. Dativus finalis. Esse, sum, fui. Wer nie Latein hatte, dem sind das böhmische Dörfer. Wer sich aus der Schule daran erinnert, tut das oft mit Schrecken. Latein gilt, trotz insgesamt steigenden Schülerinteresses, als tote Sprache, lästiges Relikt, erlernbar nur in stumpfen Pauk-Orgien, interessant allenfalls für Päpste und Altphilologen.

Die Studentenvertretung der Ruhr-Uni Bochum hat deshalb eine Initiative gestartet, für eine Reihe von Lehramtsfächern wie Geschichte, Italienisch, Französisch und Philosophie die Latinumspflicht zu streichen. Statt jahrelangen Schulunterrichts oder mehrerer Semester an der Uni soll ein Kurs mit rund 150 Arbeitsstunden genügen. Bei SPD und Grünen im Landtag sowie bei der Bildungsgewerkschaft GEW stößt das auf offene Ohren — umfassende Lateinkenntnisse für den Lehrerberuf vorauszusetzen, überlaste die Studenten und habe sich überlebt.

Man kann freilich auch ganz anderer Meinung sein. Fünf gute Gründe für Latein — auf Latein (und auf Deutsch natürlich).

I. Ad fontes! "Zu den Quellen", riefen die Humanisten, die am Ende des Mittelalters die antiken Klassiker im Original neu entdeckten. Ihr Motto gilt heute wie damals. Schwer lässt sich bestreiten, dass es für den angehenden Geschichtslehrer sinnvoller ist, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung auf Englisch gelesen zu haben — und sei die Übersetzung noch so gut. Warum sollte für die antiken Klassiker anderes gelten? Lektüre und Aufbereitung von Sallusts "Verschwörung des Catilina" ersetzen ein historisches Proseminar.

II. Multum, non multa "Es wird gesagt, dass man viel lesen muss, nicht vielerlei", schrieb Plinius der Jüngere gegen Anfang des zweiten Jahrhunderts. Es war ein Plädoyer für gründliche Auswahl der Lektüre statt Wahllosigkeit, in heutiger Sprache: für einen stringenten Lehrplan. Ob Latein darin tatsächlich der Generalschlüssel etwa zu modernen Sprachen ist, darüber streiten die Bildungsforscher mittlerweile. Dass alte Sprachen den Zugang erschweren würden, hat freilich auch noch niemand behauptet.

Latein bleibt das klassische Multifunktionsfach, das viel vermittelt (Sprachgefühl auch im Deutschen, Logik, Religion, Philosophie), ohne sich im Vielerlei der Fächer zu verzetteln. Das bedeutet auch viel Anstrengung und ist damit nicht mehr recht zeitgemäß. Aber auch noch lange nicht falsch.

III. E pluribus unum "Aus der Mehrzahl eins" ziert als Wahlspruch das Siegel der USA. Derzeit versuchen Bildungsforscher zu belegen, Latein fördere die Integration, weil es Migranten das Deutschlernen erleichtere — Latein als Integrationsvehikel und Identitätsverstärker in der multikulturellen Gesellschaft. Man muss solche hohen Erwartungen nicht teilen, um trotzdem im Lateinunterricht eine Hilfe zu sehen, die Wurzeln Europas zu verstehen. Der Bedarf danach ist derzeit immens.

IV. Nomina si nescis, perit et cognitio rerum "Wenn du die Namen nicht kennst, geht auch die Sachkenntnis zugrunde" — ein Satz des Schweden Carl Linné, der Biologen ein Begriff ist, weil er im 18. Jahrhundert Systematik ins Tier- und Pflanzenreich brachte. In Sachen Latein stellt der Satz die Frage nach der Notwendigkeit des Grundlagenstudiums: Shakespeares Römerdramen, die Bildungsschriften der Aufklärer, ohne Cicero im Original gesehen zu haben? Dante lesen, ohne Vergil zu kennen? Für die Prüfung mag das reichen. Für viel mehr nicht.

Wissen ist in Mode. Wissensshows haben Konjunktur. Geisteswissenschaften aber sind mehr als eine Parade der Namen und Begriffe. Latein steht, seinem Ruf zum Trotz, für dieses Mehr: für Bildung. Die unterscheidet sich vom Wissen durch die Fähigkeit, den Blick zu weiten, Zusammenhänge herzustellen. Das vermittelt weder "Wer wird Millionär?" noch "Pilawas großes Geschichtsquiz".

V. Non scholae, sed vitae discimus "Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir" — der Spruch ist bis zum Überdruss nicht nur Lateinschülern immer wieder vorgehalten worden. Dabei fiel er im Original genau andersherum: "Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir", seufzte Seneca Mitte des ersten Jahrhunderts in einem Brief an seinen Freund Lucilius — ein harscher Vorwurf am römischen Bildungswesen.

Für Senecas Kritik gibt es heute eine so hässliche wie treffende Entsprechung: Bulimie-Lernen. Schüler und vor allem Studenten stopfen Fachwissen in sich hinein, soll das heißen, und spucken es zur Klausur auf Kommando wieder aus, ohne nachhaltigen Nutzen davon zu haben. Insofern, und das ist das Bittere, ist die Überlastungsklage der Bochumer Studenten gerechtfertigt.

Wenn Lehrpläne nur noch das Büffeln direkt verwertbarer Fakten zulassen, spricht das schon dem Namen "Universität" Hohn, der "umfassende" Bildung verspricht. Das wahre Problem ist nicht die Frage, wie viel Latein fürs (Lehrer-)Leben nötig ist, sondern was Gymnasium und Hochschule leisten sollen. Hier ist Umdenken nötig. Es geht um den Unterschied zwischen Bildungsbürgern und Fachidioten.

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(RP/felt)