Friedrich Hebbels „Maria Magdalena“ im Düsseldorfer Schauspielhaus

Theater : Kleinbürgerliches Trauerspiel in einer Museumsvitrine

Im Central des Düsseldorfer Schauspielhauses inszeniert der Regisseur Klaus Schumacher Friedrich Hebbels „Maria Magdalena“.

Im Schaukasten ist ein biedermeierliches Figurenspiel zu beobachten: Die brave Klara, Mittelscheitel, rosa Reifrock-Kleid, versöhnt sich mit ihrem Verlobten Leonhard. Sie hat seine Durchtriebenheit zwar erkannt, doch erwartet sie ein Kind von ihm. Und nichts wäre schlimmer, als den Eltern Schande zu bereiten. Welche Schmach also, als die Zuschauer vor dem Schaufenster ein Brieflein in die Szene reichen: Klaras Bruder ist des Diebstahls angeklagt, Leonhard löst die Verlobung! Oh weh, nun droht der Familie gleich doppelt Schande. Und es ist die junge Frau, die glaubt, sich dafür opfern zu müssen.

Regisseur Klaus Schumacher packt Friedrich Hebbels Trauerspiel „Maria Magdalena“ am Düsseldorfer Schauspielhaus in eine Vitrine. Gespielt wird von Darstellern in historischem Kostüm in einem gerahmten weißen Kasten mit steiler Treppe. Im Vordergrund sind Museumsbänke aufgebaut. Von dort betrachten Leute aus der Gegenwart, was sich die historischen Exponate so antun. Die Museumsbesucher können auch eingreifen, durch eine Gegensprechanlage Text einwerfen oder wie bei den Modelleisenbahnen in deutschen Bahnhöfen mit dem Licht im Vitrinenkasten spielen. Dazu sitzt Musiker Tobias Vethake samt E-Cello wenig raffiniert oben auf dem Rahmen und liefert den emotionalen Soundtrack zur bürgerlichen Tragödie im weißen Kasten.

Mit dieser wenig erhellenden Konstruktion verbannt der Hamburger Regisseur Hebbels Stück ins museale Vorgestern. Die moralischen Kleinbürgerprobleme des 19. Jahrhunderts werden nur ausgestellt wie angestaubte Modelle. Was hat man sich früher das Leben schwer gemacht! Deutlicher kann man einen Stoff nicht auf Distanz halten.

Doch das Ensemble spielt gegen die Vitrine an. Cennet Rüya Voß schöpft das Verzweiflungspotenzial der braven Klara tief aus und macht aus ihr eine tragische Heldin. Ihre Klara kann nicht aufbegehren und absorbiert darum die Aggressionen der Männer. Tanja Schleiff als ergebene Mutter und zart renitente Gattin rafft bald der Kummertod dahin. Jan Maak als Klaras Vater spielt sich aus Kränkung und Selbstmitleid in reine Orgien der Wut. Alexej Lochmann zeigt als Klaras Bruder viele Facetten des unterdrückten, verzogenen, selbstverliebten Sohnes. Christof Seeger-Zurmühlen als fieser Verlobter Leonhard und Henning Flüsloh als innig-leutseliger Retter Friedrich liefern sich bei akrobatischem Körpereinsatz ein wunderbar komisches Duell. Doch eingesperrt in den Museumsrahmen ist all das nur von gestern. Eine Frau zerbricht, weil sie den Erwartungen und Vorstellungen der anderen nicht entsprechen kann. Ehe sie das weibliche Idealbild ihrer Zeit verrät, zerstört sie sich lieber selbst. Natürlich gibt es da Bezüge zur Gegenwart. Doch die bleiben in diesem Museum lieber im Kasten.

Info Im Central des Schauspielhauses am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Internet: www.dhaus.de

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