Friedrich Christian Delius liest in Düsseldorf

„Die Zukunft der Schönheit“:  Jazz zum Lesen

Friedrich Christian Delius stellt im Heine Haus sein tolles Buch „Die Zukunft der Schönheit“ vor. Es handelt von Albert Ayler.

Das ist ein Buch über die Kraft der Musik, und es handelt davon, wie einer in New York in eine Bar geht und ein Konzert erlebt. Auf der Bühne steht Albert Ayler, der große Albert Ayler, und der macht Free Jazz von der harten Sorte, weswegen unserem jungen Helden sofort dieses Wort in den Kopf kommt: „Schlachthof“. Aber er lässt sich bald auf das Chaos aus Saxophon, Geige und Schlagzeug ein, und er kommt in den Groove, ganz buchstäblich. Seine Gedankenmaschine beginnt zu arbeiten, er gerät vom Hundertsten ins Tausendste, und am Ende dieses Konzerts, das damals ebenso lange dauerte, wie es heute dauert, den Text darüber zu lesen, ist er sicher: Ich will Schriftsteller werden.

„Die Zukunft der Schönheit“ heißt diese autobiografische Erzählung, und geschrieben hat sie Friedrich Christian Delius, der heute tatsächlich Schriftsteller ist, Büchner-Preisträger sogar. 1966 war Delius zum legendären Treffen der Gruppe 47 in Princeton gereist, es war das Treffen, bei dem Peter Handke berühmt wurde, weil er den Kollegen „Beschreibungsimpotenz“ vorgeworfen hat. Im Anschluss verbrachte Delius noch eine Woche in New York, und dort besuchte er mit Freunden „Slug’s Saloon“, jene Jazzkneipe, in der Albert Ayler allerherrlichsten Lärm produzierte. „Es war ein Aufbruch in die Sprache und in die Literatur“, sagt Delius rückblickend.

Delius stellt sein Buch nun im Heine Haus vor, und es ist in mehrlei Hinsicht grandios. Da ist die Art, wie Delius diese schwierig zu greifende Musik beschreibt. Das Konzert in „Slug’s Saloon“ ist berühmt geworden, man findet es auf CD und bei den Streamingdiensten, und man sollte es hören, und dazu die Wörter lesen, die Delius für diesen Sound findet: „Störfeuer, Stromstoß, Schock, Schall-Überfall, Jericho-Geschmetter, Abriss, Schlachthof, jeder Takt ein Schrei“. Aus der Abwehr wird indes Faszination und schließlich Gewogenheit.

Am Faden dieser irren Musik arbeitet Delius sich durch den Hader des Jungseins: die Auseinandersetzung mit dem Vater, das Elternhaus, die Zukunft. Er begreift, dass er gerade dem Neuen begegnet, und es öffnet ihm den Horizont für das eigene Leben. Der Ich-Erzähler spürt das Kribbeln des Beginnens, und er begreift, warum diese Musik so krass klingt, wie sie klingt. Ja: dass sie überhaupt nur so krass klingen kann. Denn in Vietnam tobt der Krieg, und auf der Bühne stehen Männer, die eigentlich dort sein müssten, und sie spielen vor einem Publikum, das sich zum Teil aus Männern zusammensetzt, die bald wieder ins Gefecht müssen.

Delius hatte als Student der FU Berlin gegen den Vietnamkrieg demonstriert, das ist das verbindende Element, die gemeinsame Erfahrung. Nun erkennt er, das Albert Ayler, der nur etwas älter ist als er selbst, den Blick nach vorn im Zorn richtet, dass seine Kunst politisch ist und deshalb so berührend. Und wie stark es Delius erschüttert haben muss, erkennt man allein daran, dass der Schriftsteller sich so viele Jahrzehnte später diesem Auftritt widmet. „Es hat mich irritiert und vorangeschubst“, sagt er heute.

Delius, und das ist die ästhetische Sensation dieses kurzen Textes, passt die Form seiner Erzählung der Struktur des Gehörten an. Er improvisiert, er assoziiert, er lässt es laufen. Er schreibt Jazz. Der Gedankenstrich ist sein wichtigstes Stilmittel. „Er ist ein rhythmisches Instrument“, sagt er. „Es ist so, als komme ein anderes Instrument hinzu. Ein kurzes Innehalten innerhalb des ungestörten Fließens des Textest. Jeder Absatz ist ein Takt.“

Delius überträgt unmittelbar, was sich im Gehirn abspielt, während wir ein Konzert erleben. „Unser Gehirn ist nicht so ordentlich wie die deutsche Grammatik – Subjekt, Prädikat, Objekt. Es ist wunderbar vielfältig und springt in alle möglichen Richtungen. Das möchte ich zumindest ansatzweise in Sprache und Stil aufnehmen.“ Wie Delius’ Erzähler im Strom der Musik verliert der Leser sich im Gedankenstrom. Die Musik bildet die Brücke zwischen den Zeiten. Und zum Schluss gelingt Delius sogar so etwas wie die Poetik des Jazz, des Musikhörens und der Kunst allgemein: „Was hieß da verstehen, bei etwas Geheimnisvollem wie Klang, wie Spielkunst, wie Kunst, was sollte der kleingeistige Trotz des Verstehenwollens. Man musste sich tragen lassen, weiter nichts, und den Hirnzellen erlauben, frei zu schalten und zu walten.“

Mehr von RP ONLINE