Frauen Media Turm von Alice Schwarzer in Köln: Im Wehrturm für die Frauen

Frauen Media Turm in Köln : Ein Wehrturm für die Frauen

Vor 25 Jahren gelang es Alice Schwarzer, im Kölner Bayenturm ein Archiv der Frauenbewegung zu gründen. Das wird jetzt gefeiert. Ein Besuch lohnt sich – nicht nur für Frauen.

Eigentlich passt das doch gar nicht – das Temperament der angriffslustigen Frauenrechtlerin Alice Schwarzer und die ruhige, akribische Arbeit in einem Archiv. Alice Schwarzer lacht. Dann erzählt sie, wie sie 1970 mit anderen Frauenrechtlerinnen die Stunde Null ausrief. „Jetzt kommen wir!“, hätten sie gedacht und kämpferisch ein neues Zeitalter für die Frauen ausgerufen, sagt Schwarzer. Doch dann fuhr sie für eine Recherche ins Archiv des Deutschen Akademikerinnenbundes und stieß dort zufällig auf Schriften der scharfsinnigen Feministin Hedwig Dohm – aus dem späten 19. Jahrhundert. „Da ist mir der Schrecken in die Glieder gefahren. Ich war erschüttert zu sehen, was Frauen vor uns schon alles gedacht, geschrieben und getan haben“, sagt Schwarzer. Damals sei ihr klar geworden, dass das mangelnde Geschichtsbewusstsein ein großes Hemmnis für den Fortschritt von Frauen ist. Und sie beschloss, sich für ein Archiv einzusetzen, in dem Schriften, Nachlässe und Bilder von Pionierinnen der historischen Frauenbewegung, aber auch der neuen Frauenbewegung und von Role Models der Gegenwart gesammelt werden sollten. Dazu sollte das Archiv ein Haus werden, in dem die Materialien für die Öffentlichkeit zugänglich wären. „Denn ohne Geschichte keine Zukunft“, sagt Schwarzer. „Ich wollte, dass die Frauen sich auf die Schulter ihrer Vorgängerinnen stellen können – um weiter zu gucken.“

All das wurde 1994 Wirklichkeit – in einem Wehrturm der ehemaligen Kölner Stadtmauer, im Bayenturm am Rhein. Das trutzige Gebäude war im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört worden, Anfang der 1980er Jahre richtete die Stadt den Turm wieder her – und es gelang Alice Schwarzer ihre Pläne für ein Frauenarchiv an diesen symbolischen Ort umzusetzen. Aus der Idee für ein feministisches Dokumentationszentrum wurde der Frauen Media Turm (FMT) – ein Wehrturm und ein Leuchtturm für die Frauen.

Der Erbe Jan Philipp Reemtsma unterstützte das Projekt mit einer großzügigen Anschubfinanzierung, mit der die Frauen so geschickt haushalteten, dass sie die ersten 20 Jahre über die Runden kamen. Später wurde der FMT auch fünf Jahre von der Landesregierung gefördert, was mit dem Regierungswechsel zu Rot-Grün abrupt endete. „Doch diese Unterstützung haben wir dringend wieder nötig“, sagt Schwarzer, schließlich gebe es einen großen Bedarf an Forschung zu Frauenfragen, wie etwa die jüngste „Me too“-Debatte gezeigt habe. Trotzdem müsse das Archiv Jahr um Jahr um sein Überleben ringen.

Wer den Frauen Media Turm heute besucht, landet in einem hellen Arbeits- und Lesesaal mit Blick auf Stadt und Rhein. Auf zwei Etagen sind dort über 74.000 Textdokumente, Bücher, Zeitschriften, einzelne Aufsätze, Fotos und andere Dokumente untergebracht. Alle Schriften sind wissenschaftlich systematisiert und mit einem eigens entwickelten feministischen Schlagwortverzeichnis zugänglich gemacht. Einige Bestände sind sogar digitalisiert, etwa die Tagebücher der historischen Feministin Minna Cauer.

 Suchen können Forschende, Journalisten und alle Interessierten, die Dokumente über die Internetseite des FMT. Auch an den Verbund der Stadt- und Universitätsbibliotheken und an das Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF) ist die Sammlung angeschlossen. „Wir erschließen weiter in die Tiefe als andere Archive“, sagt Sarah Dolguschin, wissenschaftliche Bibliothekarin am FMT, „denn wir verschlagworten auch einzelne Aufsätze und erfassen etwa bei Sammelbänden alle Autoren und Autorinnen – auch die an vierter oder fünfter Stelle genannt werden, das sind oft die Frauen, die die eigentliche wissenschaftliche Arbeit geleistet haben.“

Die Sammlung umfasst neben 8000 Fotodokumenten auch eine beeindruckende Pressedokumentation der 1970er und 1980er Jahre. Zu Schlagworten wie „Abtreibung“, „Gewalt in der Ehe“ oder „Pornografie“ sind da insgesamt 460 Ordner mit Zeitungsausschnitten gefüllt.

„Viele unserer Nutzer sind Forscherinnen und Studentinnen“, sagt Julia Hitz, Kulturmanagerin am FMT, „es hat sich aber auch unter Schülern herumgesprochen, dass wir bei ersten Schritten ins wissenschaftliche Arbeiten unterstützen.“

Einmal im Monat gibt es Führungen durch den Turm, auf Anfrage auch Sondertermine für Gruppen. „Wir hatten auch mal einen Männerkegelclub hier“, sagt Dolguschin, „das war eine Spitzenführung. Wir wollen ja mit allen über Frauenthemen ins Gespräch kommen.“

In Abständen finden im FMT auch Kongresse statt, so gab es etwa ein Symposium zu Simone de Beauvoir (1999) und eines über Frauen in der Forschung (2008), zu dem hochrangige Wissenschaftlerinnen wie die Medizin-Nobelspreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard in den Bayenturm kamen.

Fragt man Schwarzer, welche Impulse aktuell vom Frauenturm in die Welt ausgehen sollten, sagt sie: „Ganz viele! Aktuelle Debatten etwa über Abtreibung zeigen, dass das Erreichte nie sicher ist. Frauen müssen weiter kämpfen und im FMT lagert ein Schatz, aus dem sie dafür schöpfen können.“

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