Josef Clemens: "Franziskus sollte Deutschland besuchen"

Josef Clemens: "Franziskus sollte Deutschland besuchen"

Der Kurienbischof spricht über das Reformtempo Roms, Frauen in der Kirche und einen möglichen Deutschlandbesuch des Papstes.

Kurienbischof Josef Clemens (67) ist der dienstälteste Deutsche in einem vatikanischen Führungsamt: zweiter Mann im Päpstlichen Rat für die Laien. Bei einem Treffen in Rom erneuerte er seine Forderung nach einer christlichen Generalmobilmachung. Papst Franziskus sei dafür der Richtige.

Was bezweckte Franziskus mit seiner Gardinenpredigt neulich vor Kardinälen und Bischöfen der Kurie?

Clemens Das war weniger eine Gardinenpredigt als vielmehr ein unmissverständlicher Appell zur Erkenntnis, dass wir als Priester und Bischöfe uns immer unserer besonderen Berufung bewusst sein müssen, unseren Dienst in der Kirche und für die Menschen nur am Evangelium auszurichten und uns nicht von weltlichem Macht-und Karrierekalkül leiten lassen dürfen.

Kardinal Marx meint, durch die Kirche sei durch Papst Franziskus ein Ruck gegangen. Ruckelt es nicht vielmehr? Wo bleibt die "Generalmobilmachung", die Sie fordern?

Clemens Der Generalmobilmachung muss eine Bewusstseinsbildung vorausgehen, im Sinne von: Was kann ich tun, was sollte ich tun?

Europa und Amerika taugen nicht zur Generalmobilmachung, oder?

Clemens Ich würde Europa und Amerika nicht in einem Atemzug nennen. In Nordamerika ist, salopp ausgedrückt, mehr Leben in der Bude, mehr Feuer im Kamin. In Zentraleuropa ruckelt es, um Ihr Wort aufzunehmen. Aber Papst Franziskus ist der Richtige für eine Bewusstseinsbildung und einer dann folgenden Generalmobilmachung aller Kräfte, die uns zur Verfügung stehen. Weil er der Institution Kirche, auch dem Vatikan sagt, dass die Verkündigung der Frohbotschaft allem vorauszugehen hat.

Wie gefährdet ist das christliche Abendland?

Clemens Die Gefährdung hängt von jedem einzelnen Christen ab. Allen Europäern müsste endlich klar werden, was Europa dem Christentum verdankt, im Zusammenleben, in der Rechtsordnung, der Kunst und Kultur, in seinem eigenen Leben.

Wir haben nicht ein Zuviel an Islam in Deutschland, sondern ein Zuwenig an Christentum?

Clemens Wenn ich ein deutscher Diözesanbischof wäre, würde ich intensiv versuchen, die Bewusstseinsbildung vorzutreiben und verstärkt die enormen christlichen Potentiale zu nutzen. Ich denke z. B. an Freiwilligendienste in unseren kirchlichen Einrichtungen, in der Gemeinde- und Jugendarbeit. Wir müssen näher am Ball bleiben. Viele unserer Verantwortlichen sollten sich mehr in der Welt umschauen, um zu verstehen, in welch günstiger Ausgangslage wir uns eigentlich befinden. Dies hilft sehr, um nicht in einer auf Deutschland verengten Gedankenwelt gefangen zu bleiben.

Noch einmal zu Ihrem Begriff "Generalmobilmachung". Hört sich angriffslustig an.

Clemens So ist es nicht gemeint. Christen sollten ihr Christsein nicht gegen den Islam oder gegen andere Religionen richten, sondern für die eigene christliche Kultur. Also nicht abgrenzen, sondern sich endlich bewusst werden, was wir in Europa dem Christentum verdanken.

Am besten lässt sich Überzeugungsarbeit leisten mit christlichen Vorbildern. Ist Franziskus so jemand?

Clemens Das Besondere bei ihm ist, dass er als Mahner und Veränderer bei sich selbst anfängt. Das ist mir so bisher noch nicht begegnet. Er lebt vor, was er verlangt, und zwar auch gegen Widerstände. Er könnte es einfacher, bequemer haben. Er lehnt jede Art von höfischer Lebensform für sich ab. Er nimmt als Papst keine Sonderrechte in Anspruch, er lebt uns allen eine bescheidene Lebensweise vor. Denken Sie an seine Wohnverhältnisse oder auch an die von ihm benutzten Fahrzeuge. Durch seine direkte und offene Art bei Begegnungen mit Jungen und Alten, mit Kranken und ganz "normalen" Laienchristen hilft er unserer Arbeit im Laienrat sehr.

Wenn der Erwartungsdruck auf ihn anhält und er dem nicht genügt, könnte sich das Blatt wenden und die Franziskus-Euphorie verblassen?

Clemens Das Blatt hat sich bisher noch nicht gewendet. Franziskus entspricht vielen Erwartungen, denken Sie an seine Beteiligung bei der sich anbahnenden Versöhnung zwischen Kuba und den USA. Er hat als Papst aus Lateinamerika ein sehr großes Vermittlungswerk getan. Leider wird dies in Deutschland - im Unterschied zu Italien und vielen anderen Ländern - zu wenig gesehen und gewürdigt.

Wann kommen denn entscheidende Erneuerungsschritte Roms?

Clemens Ich sehe diese Schritte bereits heute. Denken Sie daran, dass sich der Papst einen Beraterstab von außen, also aus der Weltkirche, an seine Seite geholt hat. Dies ist völlig neu. Früher wären Reformen der Kirchenführung hier im Vatikan vorbereitet worden und vermutlich in geheimen Sitzungen.

Kommt Franziskus bald einmal nach Deutschland?

Clemens Ein Anlass wäre vielleicht das Reformationsjubiläum 2017\. Zumal Papst Franziskus die Einheit der Christen sehr am Herzen liegt. Der Papst im Luther-Gedenkjahr bei uns - das wäre natürlich eine großartige Idee.

Der Anteil kirchlich engagierter Frauen ist größer als der von Männern. Nutzt die katholische Kirche das genug?

Clemens Franziskus will die Stellung und die Mitarbeit der Frauen in der Kirche verstärken. Keiner seiner Vorgänger hat dies in dieser Weise bisher betont.

Was soll konkret geschehen?

Clemens Ein Zeichen wäre es, Frauen vermehrt wichtige Aufgaben in der Kurie, der Zentralverwaltung der Weltkirche, anzuvertrauen. Im Päpstlichen Laienrat haben wir seit Jahren eine Sektion "Frau", natürlich von einer Frau geleitet.

Und die deutsche Leib- und Magenspeise "Priesterinnen"? Auf ewig unbekömmlich für Rom?

Clemens Die ständige Eingrenzung der Diskussion auf das kirchliche Amt, sprich Frauenpriestertum, ist verhängnisvoll, weil sie die Entwicklung zu einer verstärkten Mitarbeit der Frauen, auch in leitenden Funktionen, die bereits heute möglich ist, ausblendet und letztlich bremst. Im gesamten Caritas- und Erziehungssektor müsste das weibliche Engagement viel mehr gefördert werden, als das bereits der Fall ist. Ich meine allerdings fachlich kompetente, keine bloßen Quoten-Frauen.

(RP)
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