Frankreichs rebellischer Bestseller

Frankreichs rebellischer Bestseller

Der Titel klingt wie ein Schrei, ein Kampfruf: "Indignez-vous!" (Empört Euch) heißt ein kleines politisches Büchlein, das in Frankreich in wenigen Wochen zum Überraschungsbestseller aufgestiegen ist. Drei Euro kostet das Manifest, und es ist gerade mal 32 Seiten lang. Die Franzosen reißen es sich förmlich aus der Hand. Was derart für Furore sorgt, stammt aus der Feder eines 93-jährigen Intellektuellen und ehemaligen Widerstandskämpfers: Stéphane Hessel, Sohn des deutsch-jüdischen Schriftstellers Franz Hessel, dessen Dreiecksbeziehung mit Helen Grund, seiner späteren Ehefrau, und Henri-Pierre Roché den Filmemacher François Truffaut zu "Jules et Jim" inspirierte.

1917 in Berlin geboren, kam Stéphane Hessel mit sieben Jahren nach Frankreich, wurde, als der Zweite Weltkrieg ausbrach, gefangen genommen, konnte fliehen, ging in den französischen Widerstand, wurde von der Gestapo verhaftet, gefoltert, nach Buchenwald deportiert, konnte unter dramatischen Umständen fliehen, ging schließlich in den diplomatischen Dienst und wirkte 1948 an der Verfassung der UN-Menschenrechtscharta mit. Eine Vita, die den heute betagten, zornigen Mann Mut und Zivilcourage gelehrt hat; und die ihm bei vielen die nötige Legitimität und Autorität verleiht, um über diese Dinge zu schreiben und auch gehört zu werden.

"Auf dieser Welt gibt es unerträgliche Dinge, die Empörung ist der Schlüssel zum Engagement", schreibt Hessel. "Wir, die Veteranen der Widerstandsbewegung rufen die jüngeren Generationen dazu auf, das Erbe der Resistance und ihre Ideale zu leben und weiterzugeben. Nehmt das Steuer in die Hand und empört Euch!" Über was und wie sich die junge Generation richtig empören soll? Bei der Beantwortung dieser Frage will der 93-jährige helfen. "Suchet und ihr werdet finden", sagt er und nennt die Kluft zwischen den Armen und den Reichen, Umweltzerstörung, Diktatur der Finanzmärkte. In Frankreich prangert er die Politik von Staatspräsident Sarkozy an, die Behandlung der Staatenlosen, der illegalen Einwanderer, der Roma; im Nahen Osten die israelische Blockade des Gaza-Streifens.

Kritiker sagen, es sei nichts anderes als der Appell eines altmodischen Linksradikalen für mehr soziale Gerechtigkeit, den friedlichen Aufstand angesichts all der bösen Dinge der modernen Welt, Egoismus, Kapitalismus – das Übliche halt. Doch das Pamphlet scheint in Frankreich bei den meisten die richtigen Register zu ziehen. "Es ist ein Buch, das angesichts der derzeitigen Stimmung Hoffnung macht und Kraft verleiht, eine Einladung, sich über das Unrecht zu entrüsten, aber auch zu handeln und nicht nur, sich zu beklagen", meint eine Leserin. Mehrmals wurde die Auflage erhöht – derzeit liegt sie bei 900 000 – doch fraglich ist, ob auch das ausreichen wird. Denn das Buch ist schon nahezu ausverkauft. "Es ist der helle Wahnsinn", heißt es übereinstimmend in mehreren Pariser Buchhandlungen, wo das Heft an der Kasse ausliegt, "die Kunden rennen uns die Tür ein."

Der außerordentliche Erfolg der Streitschrift zeigt, dass sie vielen Franzosen – bekannt für ihre ausgeprägte Protestkultur – tatsächlich aus dem Herzen spricht. Dazu passt auch eine aktuelle Gallup-Umfrage, die zeigt, dass die Stimmung in Frankreich mit 61 Prozent Schwarzsehern derzeit bedrückter ist als überall anders auf der Welt (Deutschland 22 Prozent). Und auch über Frankreichs Grenzen hinaus scheint Hessel den Zeitgeist zu treffen. Es sind aus den USA und Südkorea Anfragen für Übersetzungen eingetroffen.

(Rheinische Post)
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